Jörg Smotlacha
4. März 2019

Auf nichts ist Verlass

Seitenansicht: „Kriegslicht“ von Michael Ondaatje

Michael Ondaatje: "Kriegslicht"

Spannendes Lese-Erlebnis mit kleinen Schwächen: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“, Buchcover

Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje ist spätestens seit seinem 1992 veröffentlichten Erfolsgsroman „Der englische Patient“ und der Verfilmung mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche, die 1997 sieben Oscars gewann, weltbekannt. Allerdings nimmt er sich auch große Schaffenspausen. „Anils Geist“ erschien 2000, „Divisadero“ 2007 und „Katzentisch“ 2011. Umso mehr durfte man gespannt sein, als im letzten Jahr sein neuestes Werk „Krieglicht“ erschien.

In ihm lässt der große Erzähler seinen vierzehnjährigen Helden Nathaniel 1945 mit seiner Schwester Rachel ziemlich allein, denn die beiden werden von ihren Eltern im London der Nachkriegszeit zurückgelassen. Umgeben von merkwürdigen Gestalten wie dem „Falter“ und dem „Boxer“, zwei Kleinkriminellen, die sich zwar fürsorglich um die Geschwister kümmern, aber nicht so recht erklären mögen, wo die Eltern eigentlich abgbelieben sind, wachsen die beiden auf und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Viele Jahre später beginnt Nathaniel, die geheime Vergangenheit seiner Mutter als Spionin im Kalten Krieg aufzuspüren und die Ereignisse überschlagen sich. Nathaniel verliert den Boden unter den Füßen…

Ohne Frage ist Ondaatje die Milieu-Schilderung mehr als gelungen. Und der Roman hat seine stärksten Passagen immer dort, wo er bei seinen gelungenen Protagonisten bleibt. Wenn Nathaniel etwa mit dem „Boxer“ und seiner Schwester Rachel auf der Themse rumschippert, um Sprengstoff und Tiere für illegale Windhund-Rennen zu schmuggeln. Wenn er mit seiner Freundin Agnes geheime Treffen hat und darüber erwachsen wird. Oder wenn er seine Mutter Rose portraitiert, die als britische Geheimagentin erst gegen Hitler-Deutschland und dann gegen versprengte Faschisten-Gruppen auf dem Balkan kämpft.

„Es ist bewegend, wie behutsam Ondaatje all diese letztlich solitären Figuren über fünf Buchteile wachsen lässt, den erwachsen werdenden, erkennenden Blick von Nathaniel spiegelt. Und wie wenig er dafür braucht. Wie auf einer Bühne, wo zum ersten Aufzug, dem Familienbild zu viert, nach und nach Requisiten, Landschaften, Räume vom Schnürboden gesenkt werden. So angestrahlt, dass hinter halbverschatteten Schemen auf einmal ausgeformtes Leben, Kontext erkennbar ist“, schrieb Spiegel Online.

Und dennoch gibt es große Schwächen, denn Ondaatje kann sich nicht recht zwischen Coming Of Age-Roman und Agentenstory entscheiden und darunter leiden letztendlich beide Ansätze. Gerne hätte man mehr über das Verhältnis der beiden Geschwister erfahren, die in „Kriegslicht“ lediglich ein kuzrzes (düsteres) Finale erleben dürfen und gerne hätte man die Spannnung der Spionage-Handlung weiter auserzählt gesehen. So aber geht man am Ende etwas unbefriedigt aus der Lektüre von „Kriegslicht“, denn der Autor will offenkundig zu viel und gerät gegen Ende des Romans in Schwierigkeiten, weil er „die Fäden etwas gezwungen wieder zusammenführen muss, wenn er nicht ins Raunen geraten will“ (Deutschlandfunk). Dennoch ist „Kriegslicht“ ein Lese-Erlebnis, dem seine Schwächen nur wenig Abbruch tun.

Michael Ondaatje: „Krieglicht“, 320 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446259997, 24 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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