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Konflikte als Stützpfeiler der Gesellschaft

„Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben?“ Im Haus der Region ist heute der Autor und Soziologe Aladin El-Mafaalani zu Gast

Das Integrationsparadox, Aladin El-Mafaalani

Konflikte und Auseinandersetzungen gehören zu einer offenen Gesellschaft: „Das Integrationsparadox“ von Aladin El-Mafaalani, Buchcover

Blühende Landschaften verhieß Anfang der 1990er-Jahre eine Zukunftsvision dem gerade wiedervereinten Deutschland, eine kleine ausgemalte Utopie, in der jeder Arbeit habe, der auch Arbeit wolle, in der alles friedlich sei und keiner arm. Wie zwei frischvermählte Geliebte wälzten sich die beiden deutschen Hälften zu einer Einheit, voll entzückter Erwartung, was wohl die Zukunft so mit sich bringe. Endlich wuchs (wieder) zusammen, was sowieso zusammengehörte.

Nach Jahren der liebesblinden Glückseligkeit folgten darauf die Jahre des höflichen Drüberhinwegsehens und des Nichteingestehens, dass alles vielleicht doch nicht gänzlich so rosarot strahlte, wie erhofft, bis es schließlich so kam, wie es unweigerlich kommen musste. Man war sich fremd, ließ sich nicht ausreden, unterstellte, verdrehte Worte im Mund und während die eine Seite auf die andere herabschaute, fühlte sich diese ständig bevormundet, nicht ernst genommen: „Du hörst mir nicht zu und interessierst dich nicht für meine Gefühle!“ Zu spät, um das Ganze noch geräuschlos zu kitten, und so erschien der Biss in den sauren Apfel noch die beste Alternative, denn solange man in seiner Zweisamkeit verharrte und alles zumindest so blieb, wie es war, unbefriedigend, aber noch nicht schlimm genug, in stummer Erwartung der Katastrophe, die sooft nur darauf lauerte, sich zu offenbaren, musste immerhin keine von beiden den ersten Schritt auf die andere zugehen.

Leider sind die Gründe einer dysfunktionalen Ehe selten monokausal, sondern oft deutlich vielschichtiger und der Arbeitskollege, der für das aufregende Prickeln im Bauch sorgt, die Kinder, die flügge geworden gerade das Haus verlassen haben, oder die ständig falsche Fernseh-Programmauswahl in der Regel nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Probleme gab es schon vorher. Auf die Befindlichkeit des Landes übertragen wird es nicht einfacher, im Gegenteil, denn es ist nicht nur bloß die Entzweiung zwischen neuen und alten Bundesländern, sondern eine Diskrepanz zwischen verschiedenen Schichten und Gruppen, die sich aufgetan und manchmal den Anschein hat, die Diskussions- und Streitkultur in Deutschland sei abhanden gekommen, nur noch Extreme seien möglich, aber keine Abstufungen, von unterschiedlichen Meinungen nicht zu reden. Was bereits länger schwelte, entzündete sich spätestens 2015 an der vermeintlichen Flüchtlingsfrage, die auch vier Jahre später auf viele andere wichtige Themen übergreift. Alle scheinen sich uneinig zu sein, laden ihre Worte auf, um sie auf Twitter oder in Polit-Talkshows abzufeuern, und von Harmonie ist weit und breit keine Spur.

Ein vergiftetes Klima, das niemandem gefallen kann, auch nicht dem Soziologen und Autoren Aladin El-Mafaalani. Was Deutschland brauche, sagt er, sei allerdings keine homogene Bevölkerung, die (selbst-)zufrieden mit sich und den anderen im Einklang liege, sofern sich Deutschland als offenes und vielfältiges Land begreifen möchte. Das verdeutlicht er in seinem Buch „Das Integrationsparadox“, das letztes Jahr erschien und von der These ausgeht, dass gelungene Integration nicht zwangsläufig zu angenehmen Gleichklang führe, sondern eben auch Konflikte mit sich bringe.

Integration sorge bei verschiedenen Gruppierungen für Gegenreaktionen, die sich auch stark kontrovers und populistisch äußern könnten. Wer die Frage „Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben?“ bejaht, müsse also nicht auf Konflikt-Freiheit hinarbeiten, sondern sich mit den Konflikten auseinandersetzen. Ähnlich einer Ehe eben, in der es nicht gilt, die ersten Monate der Verliebtheit für immer aufrechtzuerhalten, sondern eine gemeinsame Ebene zu finden – dazu gehört es aber auch, miteinander zu debattieren und gegenteiliger Meinung sein zu können. Das mag erst einmal paradox klingen. Beim internationalen Forum im Haus der Region erläutert El-Mafaalani heute Abend, weshalb Auseinandersetzungen zu gelungener Integration und einer offenen Gesellschaft dazugehören. Natürlich darf und soll auch mitdiskutiert werden.

Freitag, 15. März 2019:
„Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben?“, Interkulturelles Forum mit Aladin El-Mafaalani, Region Hannover, Hildesheimer Straße 18, 30169 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt frei

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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