Sebastian Albrecht
17. März 2019

Achterbahn durch die Filmgeschichte

Ein surrealer Trip: Das Lodderbast zeigt heute Abend den Film „Holy Motors“ des französischen Regisseurs Leos Carax

Holy Motors

Führt Cineasten auf einen verwirrenden und bildgewaltigen Trip: „Holy Motors“, Filmplakat

Sein erster Film in Spielfilm-Länge machte den damals 24-jährigen Leos Carax 1984 zum neuen Wunderkind des französischen Films: „Boy Meets Girl“ gewann mit Denis Lavant in der Hauptrolle nicht nur viele Kritiker für sich, sondern auch einen Preis bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes. Mit „Die Nacht ist jung“ und „Die Liebenden von Pont-Neuf“ folgten zwei weitere Langfilme, die ähnlich wohlwollend aufgenommen wurden, bis es etwas ruhiger um Carax wurde: Erst 1999 erschien mit „Pola X“ das vierte lange Werk des französischen Regisseurs – ein Film, der statt Lobeshymnen bei vielen Kritikern jedoch vielmehr Verstörung hervorrief und manche schlechte Rezension nach sich zog. Danach verschwand Carax erneut für eine längere Zeit von der großen Leinwand. Seine Bemühungen, sein erstes englischsprachiges Debüt zu finanzieren, scheiterten und er wandte sich wieder dem Kurzfilm zu. Erst 2012 sollte sein nächstes längeres Werk erscheinen, „Holy Motors“.

Auch „Holy Motors“ stieß bei dem einen oder anderen auf Verwirrung, besitzt die finale Beantwortung aller offenen Fragen schließlich immer noch nicht Carax‘ höchstes Augenmerk. Doch wem eine umfassende Auflösung aller Ungereimtheiten Bedingung für den cineastischen Genuss ist, der wird sich vermutlich sowieso nicht häufig Filme des französischen Regisseurs anschauen. Wer sich hingegen auf das Caraxsche Werk einlässt, wird auch bei „Holy Motors“ einiges entdecken können. Scheu vor verwirrenden Momenten sollte jedoch nicht vorhanden sein, denn „Holy Motors“ beginnt bereits mit einem: einer mutmaßlichen Traum-Sequenz. Dabei begleitet das Kino-Publikum Monsieur Oscar (Denis Lavant) einen Tag lang durch dessen Berufsleben. Was relativ überschaubar und gediegen klingt, ist es natürlich nicht, denn Monsieur Oscar ist Schauspieler – womöglich, denn während er von Céline (Édith Scob) in einer Limousine durch Paris gefahren wird, schlüpft er in zahlreiche Rollen wie beispielsweise einen liebenden Familienvater, einer Bettlerin, einem Monster, das ein Fotoshooting auf einem Friedhof durcheinanderbringt, oder einem Auftragsmörder, dessen Opfer Monsieur Oscar selbst ist. Nur: Es fehlen die Kameras – und in je mehr Rollen er schlüpft, die ihm in einer kleinen Akte überreicht werden, desto erschöpfter wird er…

Die Frage, worum es in dem Film eigentlich geht, ist also gar nicht so leicht zu beantworten. Um das Körperliche, das Schlüpfen in verschiedene Rollen, die unterschiedlichen Identitäten, die wir, besonders in der Digitalisierung, immer mehr verkörpern? Oder doch um eine Verneigung vor dem Medium Film an sich, um die Kino-Geschichte im Speziellen? Um beides? Oder doch um etwas ganz anderes? „Holy Motors“ verschafft einem beim Verlassen des Kinos nicht das wohlige Gefühl, das sich am Ende alles geklärt hat oder alles gut ist, dafür bietet der Film aber einen surrealistischen Trip durch unterschiedlichste Genres, eine gelungene Bildsprache und sicherlich genügend Gesprächsstoff, um im Anschluss ausgiebig zu philosophieren. Beispielsweise mit den anderen Besucherinnen und Besuchern des Lodderbasts, das den Film heute Abend in gewohnt gemütlicher Runde auf der Leinwand zeigt.

Sonntag, 17. März 2019:
„Holy Motors“, Spielfilm von Leos Carax, F 2012, 115 min., OmU, Lodderbast, Berliner Allee 56, 30175 Hannover, Beginn: 19 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 8 Euro

(Foto: Pressefoto/Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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