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Geschichte neu erzählt

Seitenansicht: „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard

Legt ein neues Stück nacherzählter Geschichte vor: Eric Vuillard mit „Die Tagesordnung“

Wenn wir an die Gründe für die Machtübernahme der Nationalsozialisten denken, sind es immer ganz bestimmte Umstände, die uns im Kopf herumschwirren. In der Schule wird einem beispielsweise vornehmlich gelehrt, dass das Volk so unzufrieden war, dass es sich nicht anders zu helfen wusste, als den Versprechungen der NSDAP Glauben zu schenken. Diese Begründung kreiert immer eine Mischung aus Ergründung der Schuldfrage und Scham, weil das eigene Volk nun mal eben auch tatsächlich mitschuldig war, an dem Wahnsinn, der da kam. Und natürlich werden auch noch die politischen Rahmenbedingungen thematisiert. Dazu gehört der Ausgang des Ersten Weltkriegs und selbstverständlich ebenso der Versailler Vertrag. In Éric Vuillards Roman „Die Tagesordnung“ wird der Fokus jedoch auf die Fähigkeit der Manipulation gelegt, welche die nationalsozialistischen Machthaber hatten – und das ist ein erhellender Blick.

Auf gerade einmal 123 Seiten zeigt Éric Vuillard eindrucksvoll die Verbindungen der Nazis zur Wirtschaft – und in welchem Maß Opel, Siemens, Bayer und weitere große Firmen ihr Geld in eine Zukunft investierten, die sich schlussendlich als Zivilisationsbruch erwies. In knappen Sätzen beschreibt Vuillard das Charisma, dass Adolf Hitler nachgesagt wurde und die damit verbundene Macht, die er innehatte. Ein Charisma, die andere Politiker wie Chamberlain um den Finger wickeln konnte und ihre Macht gleichzeitig absorbierte. Eine Macht, die sich wie ein schweres Schicksal über den österreichischen Bundeskanzler Schuschniggs legte und den Anschluss Österreichs besiegelte. „Die Tagesordnung“ ist ein Roman, der nicht nur die Machenschaften der Nationalsozialisten in den Fokus rückt, sondern gleichzeitig auch zeigt, wie einfach solche Machtstrukturen greifen und sich ausbreiten können.

Wenn es um die konzentrierte Nacherzählung von Geschichte geht, ist der französische Autor und Filmemacher Éric Vuillard kein Neuling. Egal ob Buffalo Bill, die Französische Revolution oder der Weltkrieg – Vuillard nimmt sich jedem Thema an und verwandelt es auf nur wenigen Seiten zu einem Sog, der seine Leserschaft vollständig vereinnahmen kann. Auch „Die Tagesordnung“ fügt sich nahtlos in diese Reihe ein und überzeugte schließlich die Jury des renommierten Prix Goncourt.

Éric Vuillard: „Die Tagesordnung“, 128 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, ISBN-13: 978-3957575760, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Buchcover)

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