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Plakativ

von Jörg Smotlacha      Dienstag, 2. März 2010

Im Historischen Museum setzt sich eine neue Ausstellung mit dem Wandel der politischen Werbung in den letzten hundert Jahren auseinander

“Komm aus Deiner linken Ecke”, CDU-Wahlplakat 1978

Sportlich: Schlagkräftiges CDU-Wahlplakat von 1978

Plakate sollen werben. Im öffentlichen Raum möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Sich und ihr Produkt in den Fokus der Wahrnehmung rücken. Mit auffälligen Reizen die Blicke der Konsumentinnen und Konsumenten, Bürgerinnen und Bürger, Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer, Gebildeten und Ungebildeten, Kritischen und Unkritischen, ergo der gesamten mobilen Gesellschaft auf sich lenken. Politische Plakate sind da keine Ausnahme. Zwar wird auf T-Mobile-Plakaten für Mobilfunk-Verträge geworben und auf H&M-Plakaten für Unterwäsche, während die FDP für “Mehr Netto vom Brutto” trommelt, doch immer geht es um das Gleiche: Arglosen Passanten irgendeinen Scheiß anzudrehen, der gut aussieht, aber in Wirklichkeit nicht hält, was er verspricht.

“Alle reden vom Wetter. Wir nicht." SDS-Plakat von 1973

Als politische Plakate noch Witz hatten: SDS-Plakat von 1973

Die Geschichte des politischen Plakates spiegelt die politischen Themen der jeweiligen Zeit

Bevor dem Autoren dieser Zeilen nun der ohne Zweifel unverzeihliche Fauxpas unterstellt wird, die Entwicklung der Plakatkunst mal eben weggebügelt zu haben, sei betont: Es gibt natürlich Ausnahmen. In der Geschichte der Produktwerbung ebenso wie in der der des politischen Plakates. Denn Letzteres kann natürlich helfen, abstrakte Inhalte in einfache konkrete Bilder zu fassen und für die Umsetzung von Konzepten zu werben. Und so spiegeln sich in der Geschichte des politischen Plakates die bestimmenden politischen Themen der jeweiligen Zeit: die Krisen der späten 1920er Jahre, die Ideologie der Nazis, die Kriegspropaganda des Dritten Reiches ebenso wie der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder unter Adenauer, der Kalte Krieg, die Willy Brandt-Ära, die Studentenunruhen und die liberalen 68er wie auch die Umweltproblematik, der heutige Neoliberalismus, die Terrorangst und der Sicherheitswahn.

“Wir gehen tiefer”, Junge Union, Plakat von 2004

Gehts noch tiefer? Wahlplakat der Jungen Union, 2004

Umso erstaunlicher, dass Wahlplakate der heutigen Zeit meist immer dasselbe zeigen wollen: Seriosität und Zuverlässigkeit, Leistung muss sich lohnen und lächelnde Schreibtischtäter, mehr Netto vom Brutto, alle für Europa und Grinsen für Deutschland, dezentes Blau allüberall und Nurnichtaufregen, Sicheristsicher, Schönschönschön, Mamapasstauf, Istallesgut. Ausnahmen erstaunen dann meistens eher durch ihre Ausfälligkeit, zum Beispiel ihre niveaulose Dumpfheit oder Fremdenfeindlichkeit. Wenngleich “Kinder statt Inder” immerhin gut gereimt ist.

Politische Werbung 3.0?

Wichtig zu erinnern, dass alles mal ein bisschen mehr Witz hatte und griffiger war. Unvergessen sind zum Beispiel Motive wie “Keine Experimente” oder “Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” Mit Adenauer, Marx, Engels und Lenin drauf. Es gibt natürlich trotzdem keinen Grund, vergangenen Zeiten hinterherzutrauern. Dass politische Plakate durchaus eine gewichtige Rolle spielen können, zeigt ab heute die Ausstellung “Meinungs-Bilder” im Historischen Museum, die sowohl die gesellschaftspolitische Entwicklung Deutschlands spiegelt als auch die - vielleicht in diesem Kontext sogar interessantere - künstlerische und grafische. Oder wie war das mit der NS-Ästhetik, mit der Fotografie, den Neuen Medien und der Postmoderne? Und was passiert in Zeiten, in denen jedermann alles kopiert, Original und Fälschung verschwimmen und Netzkunst Thema ist? Fragen, die womöglich weit über das im Historischen Museum Gezeigte hinausreichen. Aber man darf sich ja mal inspirieren lassen…

Dienstag, 2. März 2010:
“Meinungs-Bilder. Politische Plakate 1900/2000″, Ausstellungseröffnung, Historisches Museum am Hohen Ufer, Eingang Burgstraße/Pferdestraße 6, 30159 Hannover, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 4 Euro, Beginn: 19 Uhr

  • Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. September 2010
  • Öffnungszeiten: Di 10-19 Uhr, Mi bis Fr 10-17 Uhr, Sa und So 10-18 Uhr, Mo geschlossen, Eintritt freitags frei

(Fotos: Historische Plakatmotive)

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