Susanne Viktoria Haupt
1. April 2019

Wir haben ein Problem!

Seitenansicht: „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge

Weil manchmal genau das, was man nicht möchte, einfach notwendig ist: „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“, Buchcover

Vergangene Woche war die Schriftstellerin Reni Eddo-Lodge zu Besuch in Hannover und referierte im Audimax vor ausverkauften Hause darüber, warum sie nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe sprechen mag. Ein denkwürdiger Abend, denn mit ihrer Publikation deckt Eddo-Lodge Probleme auf, die ganz oft ganz viele nicht sehen möchten. Und dabei sind es eben gerade Weiße, die diese Probleme nicht wahrhaben wollen. Vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht auch, weil sie es beim klaren Umgang mit der Wahrheit deutlich schwieriger hätten, mit ihrer Welt klarzukommen. Kern von Eddo-Lodges Buch ist nämlich der strukturelle Rassismus. Denn das Problem ist nicht allein der offene Rassismus, der Häuser in Brand setzt und in Parteien oder in Sozialen Netzwerken gegen Ausländer hetzt, sondern auch derjenige, den wir Weißen gerne übersehen, weil er nicht laut und störend ist, uns aber dennoch Vorteile verschafft. So können wir das Gesicht wahren.

Zum Beispiel, wenn man von Weißen in der Schule schon einmal per se bessere Leistungen voraussetzt, weil sie eben Weiß sind. Oder eben, wenn People of Colour bei Bewerbungen trotz gleicher oder sogar höherer Qualifikation den Kürzeren ziehen, weil sie eben nicht weiß sind. Und wenn wir dann nicht aufstehen und laut sind, sondern das alles so hinnehmen, weil wir davon profitieren, dann sind wir nicht viel besser als jene, die Häuser in Brand stecken. Das ist eine sehr unbequeme Wahrheit, mit der wir Weißen uns allerdings anfreunden müssen.

Und obwohl der Titel des Buchs sehr provoziert, ist an Reni Eddo-Lodges Worten nichts reißerisch, ganz im Gegenteil. Auf über 260 Seiten gewährt die Autorin ihrer Leserschaft einen Einblick in den strukturellen Rassismus in Großbritannien, der sich leider in vielerlei Hinsicht im selben Kleid auch in Deutschland wiederfinden lässt. Eddo-Lodges Worte sind dabei gut gewählt und keinesfalls aggressiv. Auch möchte sie Weißen kein schlechtes Gewissen machen, sondern einfach nur dazu ermutigen, dass man diese Form des Rassismus genauso ernstnimmt, wie den offenen. „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ ist kein Buch, das Hass zwischen den People of Colour und den Weißen schüren soll, sondern eines, das eher vermitteln möchte. Denn Reni Eddo-Lodge würde durchaus weiter mit Weißen über Hautfarbe reden, wenn man ihr doch nur zuhören und Glauben schenken würde.

„Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ sollte uns also nicht nur aufwecken, sondern gleichfalls auch wütend machen. Eine andere Hautfarbe sagt nichts über den Menschen aus und sollte niemanden im Wert herabsetzen. Aber trotz dieser Fakten lassen wir zu, dass unser System so funktioniert, dass der Wert eines Menschen über Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft definiert wird. Es sollte uns wütend machen, dass wir diesen versteckten Rassismus so tief in unsere Gesellschaft haben eindringen lassen. So tief, dass er uns blind gemacht hat, dass wir uns an ihn gewöhnt haben. Geben wir also den People of Colour endlich das Gefühl, dass sie sprechen dürfen. Dass wir ihnen zuhören und ihnen auch Glauben schenken. Das wird anstrengender, als sich auf der eigenen Hautfarbe auszuruhen, aber die guten und wichtigen Dinge erreicht man nie mit Leichtigkeit.

Reni Eddo-Lodge: „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“, 263 Seiten, Tropen, ISBN-13: 978-3608504194, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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