Sebastian Albrecht
9. April 2019

Spielzeug-Ghettos, rostige Rasierklingen und Voldemort

Bei Feinkost Lampe stellt die Comic-Zeichnerin und Drehbuch-Autorin Katja Klengel ihren neuen Band „Girlsplaining“ vor

Was Harry Potters Gegenspieler und das weibliche Geschlechtsteil gemeinsam haben? Antwort darauf gibt Katja Klengel in ihrem Comic „Girlsplaining“, Buchcover

Sieben Zentimeter Schnee mitten im Februar – was nach arktischen oder sibirischen, vielleicht gerade noch nach alpinen Verhältnissen klingt, war vor nicht allzu langer Zeit auch in Norddeutschland nicht ganz unwahrscheinlich. Der Satz „Früher war alles besser“ mag also auf die heutigen Winter im nördlichen Teil Deutschlands sogar jenseits der Gefühlsebene zutreffen, häufig ist er jedoch Indiz dafür, dass die Welt sich für die im Alter immer größeren Raum einnehmenden Behäbigkeit mittlerweile zu schnell dreht. So ist es zwar verständlich, das „Rosa-Überraschungsei“ mit dem Gedanken „Schöne neue Welt“ abzutun und in Erinnerungen an ein Früher zu schwelgen, als Überraschungseier noch nicht nach Geschlechtern getrennt waren und man mit der besten Freundin die doppelten Dinosaurier-Figürchen tauschen konnte, um die eigene Sammlung zu vervollständigen. Doch erstens macht der Kapitalismus eben auch nicht vor dem Kinderzimmer halt und zweitens gab es natürlich auch in der eigenen Kindheit schon Spielzeug, das geschlechtsspezifisch war: Barbies für die Mädchen, Piratenschiffe für die Jungen. Zuweisungen, die unter Geschwistern und vor ausgeprägter Kinder-Fantasie meist nie lange Bestand haben – stattdessen stürmten auf dem Auto-Teppich Playmobil-Indianer auf MyLittlePonys auch schnell mal das von Ken regierte Schlumpfhausen.

Mit gegendertem Spielzeug fing auch Katja Klengels autobiographische Comic-Kolumne „Girlsplaining“ an, die sie für das Online-Magazin „Broadly“ zeichnet. In einem Beitrag auf ihrem Blog thematisierte sie das „pinkfarbene Spielzeug-Ghetto der Mädchen“ und ihr Unverständnis darüber, woraufhin ihr „Broadly“ die Möglichkeit einer Kolumne in Comic-Form bot. Indem Klengel sich häufig an Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend orientiert, greift sie Stereotype und gesellschaftliche Konventionen auf und beschäftigt sich mit dem Heranwachsen und der Rolle als Frau in der Gesellschaft. Dabei ist sie unterhaltsam und witzig, ohne freilich ihre Ernsthaftigkeit zu verlieren, manchmal auch auf eine angenehme Art assoziativ, ihre Zeichnungen, ja nicht ganz unwichtig bei Comics, passen als Illustration ihrer Kolumnen jedenfalls ganz ausgezeichnet. Auch die popkulturellen Querverweise dürfen nicht fehlen – und wer, wie die Autorin, in den 1990er-Jahren aufgewachsen ist, wird sich sicherlich an Jugend-Helden wie Sailor Moon und natürlich Buffy erfreuen können. Eine Analoge zu Voldemort, der Antagonist aus den Harry-Potter-Romanen, dient Klengel beispielsweise als Einstieg in ein heikles und delikates Thema, nämlich dem V-Wort. So kann es zumindest vorkommen, denn während das männliche Geschlechtsteil zu benennen, relativ leicht fällt, gehen Worte wie Vulva und Vagina vielen eher verschämt über die Lippen, sofern nicht versucht wird, sie gleich ganz zu umschiffen. Doch woher kommt diese Angst? Diese und weitere Fragen stellt sich Katja Klengel in ihrer Kolumne „Girlsplaining“, die inzwischen auch in Buch-Form erhältlich ist. Heute Abend ist Klengel bei Feinkost Lampe zu Gast und stellt ihr Werk vor. Nicht nur für Comic-Fans absolut lohnenswert.

Dienstag, 9. April 2019:
„Girlsplaining“, Comic-Lesung mit Katja Klengel, Feinkost Lampe, Eleonorenstraße 1, 30449 Hannover, Beginn 20.30 Uhr, Eintritt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Kunst, Literatur, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel