Sebastian Albrecht
13. April 2019

Die Musikalität der Straße

Von der Straße auf die Bühne: Im Kulturzentrum Faust ist heute Abend die famose Singer/Songwriterin Alice Phoebe Lou zu Gast

Alice Phoebe Lou

Ist nicht nur eine fabulöse Musikerin, sondern hat auch noch einen überaus schnieken Pony: Alice Phoebe Lou

Die Tagestipps eines Monats werden normalerweise ungefähr so ausgesucht: Ein mehrköpfiges Experten-Team schließt sich für mehrere Tage in der langeleine.de-Redaktion ein, um gewissenhaft zu prüfen, was der nächste Monat an kulturellen Highlights bereithält, und wählt dann – anonym, ohne die Entscheidungen der anderen Team-Mitglieder zu kennen – aus diesen aus. Die Auswahl wird gänzlich salomonisch vorgenommen, damit nicht einen ganzen Monat lang nur Filme im Lodderbast oder Béi-Chéz-Heinz-Konzerte angepriesen werden. Schließlich sollen die vorgestellten Veranstaltungen auch abwechslungsreich sein, guten Mainstream und Abseitiges genauso einen wie Unterhaltung und Anspruch. Hat sich die Expertenrunde einigen können, steigt weißer Rauch aus dem Schornstein und die Tagestipps werden unter den Schreiberinnen und Schreibern aufgeteilt.

Dem Internet sei Dank, fällt es ihnen in der Regel nicht schwer, aus Pressematerial, Trailern, Streams, YouTube-Videos und weiteren Infos im Netz einen Artikel zu zimmern, der in Euch, der geneigten Leserschaft, im besten Fall das Interesse weckt, die angekündigte Veranstaltung besuchen zu wollen. Am einfachsten ist es natürlich, wenn das Thema einen selbst ebenfalls interessiert. Sagt einem das Thema so gar nicht zu, ist das nur im ersten Moment ärgerlich, schließlich bietet sich hier die Möglichkeit, aus der Komfortzone herauszutreten, was dem eigenen Schreiben nur guttun kann. Ausnahme sind natürlich Thomas-Mann-Conventions, hier wird das Redaktionsbüro solange belagert und mit E-Mails bombardiert, bis einem ein anderes Thema zugeteilt wird. Wirklich tricky ist ein Tagestipp eigentlich nur dann, wenn die Informationslage zum Thema spärlich ausfällt. Dann ist das Improvisationstalent gefragt. Sonst sitzt man vor der leeren Datei und weiß nicht, was man schreiben soll.

Was uns endlich zum heutigen Tagestipp bringt: Alice Phoebe Lou. Die Ratlosigkeit, zu Alice Phoebe Lou einen ordentlichen Text zu schreiben, liegt aber absolut nicht an nicht vorhandenen Infos, denn die sind zahlreich: Alice Phoebe Lou, in Kapstadt geboren und aufgewachsen, kam mit 16 Jahren bei einem Aufenthalt in Paris auf die Idee, Straßenkünstlerin zu werden, verließ Südafrika zwei Jahre später gänzlich Richtung Europa und lebt mittlerweile in Berlin, wo sie regelmäßig als Straßenmusikerin auftritt. Ihr Debüt „Orbit“ veröffentlichte sie 2016, ihr zweites Album „Paper Castles“ folgte gerade erst im März. Obwohl im Fokus großer Plattenfirmen, hat sie bisher alle Angebote ausgeschlagen, ebenso eine Einladung von James Blunt, mit ihm auf Tour zu gehen, denn ihre Unabhängigkeit ist ihr wichtiger. Und obwohl sie bereits durchaus größere Clubs füllt, tritt sie weiterhin auf der Straße auf. Vielleicht wäre noch zu erwähnen, dass sie ihren ganz eigenen Kopf hat, vielleicht wäre noch eine Überleitung zum Feminismus sinnvoll, der sich unter anderem im Video ihrer neuen Single „Skin Crawl“ widerspiegelt. Das alles ließe sich fraglos zu einem netten kleinen Text verarbeiten: Alice Phoebe Lou, eine interessante und aufstrebende, dabei aber unabhängige Musikerin, die Straßenmusik im Blut hat und die sich anzuschauen unbedingt lohnt.

Das Problem, einen passenden Tagestipp zu schreiben, ist hier ein anderes: die Begeisterung des Verfassers. Denn nichts mag ihr, also der Begeisterung, so recht gerecht werden. „Die Musik der grandiosen, umwerfenden Alice Phoebe Lou ist ein märchenhaftes Ereignis, elegisch und tröstend, zart und selbstbewusst zu gleich, jeder Song ein famoses Meisterwerk. Mühelos macht sie auch fremde Songs wie ‚Walk On The Wild Side‘ zu ihren eigenen und lässt das Original verblassen…“, ist zwar zweifelsohne richtig, klingt aber eher nach einem etwas zu euphorischen Waschzettel und nicht nach einem journalistischen Beitrag. Oder nach den romantisch-kitschigen Worten eines Jugendlichen, der ganz hoffnungslos sein (musikalisches) Herz verloren hat. Zugegeben, ein klein wenig ist es aber auch genau so.

Hat man sich in seinen Sturm-und-Drang-Jahren, in denen man stündlich neue Musik entdeckte, noch geschworen, nie zu werden wie seine Eltern und niemals aufzuhören, Neues zu entdecken, sitzt man Jahre später inmitten seiner Beatles-, Eminem- und PJ-Harvey-Platten und fremdelt mit dieser neuen Musik, die irgendwie keine Kanten mehr hat, dafür aber nie auf einen leichten Elektro-Touch verzichten mag. Natürlich liegt es an der Musik, die immer beliebiger wird, und nicht an einem selbst, der nur zu bequem zum Suchen geworden ist. Sogar das Klicken durch das Angebot, das ein Algorithmus einem auf Spotify oder YouTube zusammenstellt, ist zu anstrengend. Dabei ist das nächste Kleinod häufig nur ein, zwei Fingerbewegungen weit entfernt.

Wie eben auch Alice Phoebe Lou, die abends vor dem Zubettgehen erst einmal nur ein weiterer Vorschlag des YouTube-Algorithmus ist, weil man in den letzten Tagen halt häufiger Frauen mit Instrumenten gehört hat, bis dann plötzlich im Haus gegenüber schon wieder die Lichter angehen, sich die ersten Menschen auf den Weg zur Arbeit machen und man feststellt, sich die ganze Nacht vermutlich jedes verfügbare YouTube-Video von Lous Songs angesehen zu haben. Es gibt sie also noch, diese bezaubernde, bezaubernde Musik, die nicht schon zwanzig Jahre auf dem Buckel hat, und auch für einen selbst besteht noch Hoffnung: Man ist bloß faul geworden, aber noch nicht alt, die Begeisterungsfähigkeit ist noch vorhanden!

Aber genug davon und zurück zu Alice Phoebe Lou, die Musikerin mit der wundervollen Stimme, die, seit sie mit 18 Jahren das erste Mal an der Berliner S-Bahnstation Hackescher Markt auf dem Boden saß und auf ihrer Gitarre spielte, in Berlin regelmäßig an Orten wie der Warschauer Straße oder dem Mauerpark als Straßenmusikerin auftritt. Für sie ist das kein Mittel zum Zweck, denn auf der Straße auftreten müsste sie schon lange nicht mehr, vielmehr ist die Musik auf der Straße, der unmittelbare Kontakt mit dem Publikum ihre Passion, welche sie nicht aufgeben mag. Glücklicherweise tritt sie aber nicht mehr nur auf Berlins Straßen auf, sondern auch in Clubs, Konzerthallen und Festivals, so dass eine Fahrt nach Berlin nicht die einzige Möglichkeit ist, in den Genuss eines Konzerts von Lou zu kommen. Mit ihrem neuen Album „Paper Castles“ ist sie zurzeit auf großer Europa-Tour, auf der sie von ihrer Band begleitet wird. Heute Abend tritt sie in der 60er-Jahre Halle des Kulturzentrums Faust auf, und es erübrigt sich fast, zu sagen, dass das Konzert ein Pflichtbesuch ist. Kommt alle!

Samstag, 13. April 2019:
Alice Phoebe Lou, Support: L.A. Salami, Kulturzentrum Faust, 60er-Jahre-Halle, Zur Bettfedernfabrik 3, 30451 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 23 Euro

(Foto: Pressefoto/Kulturzentrum Faust)

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Kategorien: Musik, Tagestipps

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