Marcel Seniw
12. April 2019

Fußball muss leider auch noch gespielt werden

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach

Hatte nach einer katastrophalen Spielzeit keine Zukunft mehr bei Hannover 96: Horst Heldt

Paukenschlag in Hannover. Horst Heldt ist nicht länger Manager von Hannover 96. So hieß es unter der Woche. Doch so wirklich überraschend kam diese Nachricht dann auch nicht, schließlich war Heldt für den in dieser Form nicht ansatzweise konkurrenzfähigen 96-Kader verantwortlich, und nun, wo die Weichen Richtung Zweite Liga gestellt sind, würde es einem Himmelfahrtskommando gleichkommen, wenn ihn auch noch den Kader für die kommende Saison planen lassen würde. Immerhin lässt sich sagen: Martin Kind und Konsorten haben aus dem Fehler gelernt, den sie damals mit Manager Dirk Dufner machten. Dufner plante vor der Abstiegssaison den Kader, obwohl sein Vertrag kurz nach der Sommerpause auslief und nicht verlängert wurde.

Erfolglose Leihgeschäfte

Und dennoch hat Hannover 96 mit Horst Heldt natürlich Fehler gemacht. Als der 1.FC Köln nach einem neuen sportlichen Leiter suchte, wollte Heldt seinem Herzen folgen und zu seinem alte Klub an den Rhein zurückkehren. Daraus wurde nichts: Martin Kind schob den Riegel vor, Heldt musste bleiben. Es dauerte nicht lange, bis es zur zweiten Liebelei des 49-Jährigen kam, dieses Mal lautete der Interessent VfL Wolfsburg. Die Aussicht auf mehr verfügbares Geld für Transfers und ein freieres Handeln, als es unter Martin Kind möglich ist, hatten Heldt den Kopf verdreht. Doch wieder durfte Heldt nicht wechseln, musste bei Hannover 96 bleiben – und dementsprechend fielen dann die Transfers aus. Mit Kevin Wimmer, Takuma Asano und Bobby Wood wurden im Sommer letztlich eher abwegige Leihgeschäfte getätigt. Während Wimmer sich zuletzt vom Wolfsburger 1,70-Meter-Kopfball-Ungeheuer Renato Steffen hat abkochen lassen, darf Takuma Asano schon gar nicht mehr mitspielen, sonst würde eine Kaufpflicht aus dem Leihvertrag mit Arsenal London wirksam werden. Und Bobby Wood? Der pendelte in den vergangenen Wochen zwischen München und Hannover hin und her, war verletzt, spielt aber auch fit keine Rolle mehr bei den Roten. Dafür waren seine dargebotenen Leistungen einfach viel zu schwach. Im Winter wurden dann noch Kevin Akpoguma, der bis zu seiner Schulterverletzung auf einem guten Wege war, der 96-Defensive etwas mehr Halt zu geben, und Nicolai Müller geholt, der im letzten Jahr einen Kreuzbandriss auskurieren musste und mit mittlerweile 31 Jahren auch alles andere als ein Versprechen für die Zukunft ist. Nun also der Cut, gerade noch zur rechten Zeit.

Schwieriger Umbruch und sinkende Marktwerte

Wenn nun schnell ein Nachfolger für Heldt gefunden wird, der sich an den letzten Spieltagen einen Eindruck von Verein, Mannschaft und Umfeld verschaffen kann, dann wäre zumindest dies positiv zu bewerten. Eine Hängepartie, bei der der Neue erst mitten in der Sommerpause präsentiert würde, wäre schwierig und 96 stünde die nächste schwierige Saison bevor. Denn der neue 96-Manager wird vom ersten Tag an gefordert sein. Der Kader braucht den Umbruch und dieser wird aufgrund der klammen Kassen nicht ohne Spielerverkäufe möglich sein. Das Problem: Dank der durchwegs schlechten Darbietungen der Mannschaft sind die Marktwerte rapide gesunken. Festgeschriebene Ablösesummen, wie die 30 Millionen im Falle von Walace, wird kein Verein zahlen, oder sie bestehen im Falle des Abstiegs so nicht mehr. Beispiel: Hätte Hannover 96 vor dieser Saison für die Transfers von Waldemar Anton und Niclas Füllkrug etwa 40 Millionen einnehmen können, werden es nach dieser Saison vielleicht gerade noch 20 Millionen. Auch an einem Verkauf von Ihlas Bebou wird wohl kaum ein Weg vorbeiführen. Sehr schade, wenn man bedenkt, dass diese Spieler für das neue Hannover 96 stehen sollten.

Zu schwach für den Griff nach dem Strohhalm

Aber mal abwarten, was nun wirklich geschieht. Als nächstes wird Thomas Doll seinen Hut nehmen müssen. Da er wie Heldt noch einen gültigen Vertrag besitzt, wird 96 im Falle einer Entlassung auch ihm weiterhin Gehalt zahlen müssen. Geld, welches eigentlich nicht vorhanden ist. Und dabei hätte 96 an Heldt sogar noch verdienen können, wenn man ihn früher hätte ziehen lassen. Ein schöneres Worst-Case-Szenario hätte man sich kaum ausmalen können. Die Abkürzung HSV scheint in diesem Jahrzehnt für absolutes Chaos zu stehen – und der Hannoversche Sportverein stiehlt seinem großen Bruder von der Elbe in dieser Beziehung langsam die Show. Fußball muss aber leider auch noch gespielt werden, auch wenn man sich das Gekicke der Roten längst nicht mehr anschauen mag. Dabei wäre auch letzte Woche noch einmal ein Griff nach dem Strohhalm möglich gewesen, denn Stuttgart und Nürnberg nahmen sich bei ihrem 1:1-Remis gegenseitig die Punkte weg und Die Roten hätten noch einmal angreifen können. Doch nach der 1:0-Führung in Wolfsburg durch Weydandt folgte kaum eine Minute später der anfangs erwähnte Schnitzer von Innenverteidiger-Leihgabe Wimmer. Und wenn sich so etwas über Wochen wiederholt, dann nennt man das Unvermögen.

Dieter Hecking in der Gerüchteküche

Am morgigen Samstag steht nun also das Wiedersehen mit Lars Stindl und Dieter Hecking beim Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach an. Hecking wird nach der Saison sein Amt als Gladbach-Trainer niederlegen müssen, weshalb sein Name schon als möglicher Nachfolger für Horst Heldt oder eben Thomas Doll durch die Gazetten geistert. Doch ob sich der ehemalige 96-Spieler und -Trainer das wirklich antun will, halte ich für fraglich, schließlich trainierte er zuletzt Vereine mit ganz anderen Ambitionen. Fakt ist aber auch, dass Hecking und seine Borussia keines der letzten acht Pflichtspiele gewinnen konnte. Sprach man zu Begin der Rückrunde noch vom Bayer- und Dortmund-Jäger, muss Gladbach nun aufpassen, dass es nicht noch die Europa-League-Plätze verspielt. Da kommt 96 natürlich gerade gelegen: Hecking und Stindl werden Hannover siegreich verlassen. Die Roten verlieren erneut mit 1:3 und Thomas Doll wird auch nächste Woche noch versuchen, den Bock umzustoßen.

Samstag, 13. April 2019, 15.30 Uhr:
Hannover 96 – Borussia Mönchengladbach

(Foto: 9EkieraM1/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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