Susanne Viktoria Haupt
15. April 2019

Eine Wucht von Schmerz

Seitenansicht: „Das Mädchen auf dem Eisfeld“ von Adélaïde Bon

„Das Mädchen auf dem Eisfeld“ ist nicht nur das Debüt von Adélaïde Bon, sondern gleichzeitig auch ihre Biographie

Adélaïde versteht sich selbst nicht. Sie fühlt sich oft wie ein einsames Mädchen, das auf einer Eis-Scholle alleine übers Meer treibt. Ihre Beziehungen scheitern eine nach der anderen, denn keinen kann sie so richtig an sich heranlassen. Weder emotional, noch physisch. Sie hasst und verachtet ihren Körper und stopft ihn voll mit Essen. Sie hasst und verachtet sich selbst und stopft sich voll mit Drogen und kurzweiligen Affären. Ihre einzigen Anker sind ihre Karriere als Schauspielerin und ihr Therapeut. Sie weiß, dass damals, als sie neun Jahre alt war, etwas passiert ist. Dass sie draußen auf der Straße auf einen Mann traf und ihn ins Treppenhaus begleitet hatte. Sie weiß noch, dass sie seinen Penis anfassen musste, aber danach direkt zu ihren Eltern durfte. Sie erinnert sich noch, dass sie mit ihr zur Polizei gefahren sind und sie ganz ruhig war. Was sie aber nicht weiß, ist, dass das keine wirkliche Ruhe war, sondern dass ein Teil von ihr an diesem Tag gestorben ist. Und auch, dass sie sich nur an winzige Bruchstücke der Geschehnisse erinnern kann. Aber weder ihr Körper, noch ihr Unterbewusstsein haben all das vergessen und schleudern ihr mit den Jahren immer mehr fürchterliche Einzelheiten ins Gesicht.

„Das Mädchen auf dem Eisfeld“ von Adélaïde Bon ist eine wahre Geschichte. Jeder Satz, jede Szene, jedes Wort, das die französische Autorin schildert, ist wahr, ist passiert. Und Adélaïde Bon hatte den Mut, ihrer Geschichte eine Stimme zu verleihen. Sie war eines von unzähligen jungen Mädchen, die in Paris zwischen den 1980er- und den 2000er-Jahren von ein und demselben Mann sexuell belästigt, genötigt oder vergewaltigt wurden. In vielen Fällen wurde Strafanzeige gestellt, aber der Täter wurde lange nicht gefunden. Dafür hatten und haben die Opfer zu leiden, doch Bon schafft es, sich nicht als einzige Leidende zu positionieren, sondern mit ihrem autobiographischen Roman den Bogen so zu spannen, dass der Umfang des Grauens zumindest in Teilen erahnt werden kann. Immer wieder spricht sie von sich in der dritten Person, weil das so zwischen ihr und der Geschichte Distanz schafft. Immer wieder zeigt sie, wie sehr sie gegen sich gekämpft hat und keine Ahnung hatte, warum. Und trotzdem ist sie sich auch ihrer vermeintlichen Privilegien bewusst. Während sie aus gutem Elternhaus kommt und ihre Eltern ihr über zehn Jahre eine Therapie bezahlen konnten, weiß sie genau, dass es vielen anderen Opfern nicht so ergangen war. Sie weiß, dass sie ohne diese Unterstützung völlig zerstört worden wäre und leidet mit anderen Opfern mit.

Bons Roman „Das Mädchen auf dem Eisfeld“ zeigt aber auch, wie falsch und fehlgeleitet unser Umgang mit Opfern immer noch ist. Da wird bagatellisiert, weil die Autorin doch ansonsten ein gutes Leben führt. Es sei doch schließlich nur „diese eine Sache“, die „schiefgelaufen“ ist. Ansonsten wäre ihr Leben doch schön. Sie solle es „wie einen Unfall“ ansehen, der eben „passiert ist“. Loslassen, weitermachen, nicht mehr daran denken, einfach vergessen. Wer selbst kein Trauma erfahren hat, der weiß aber nun mal nicht, dass das nicht geht. Mehr Sensibilität ist wünschenswert. Gleichermaßen zeigt Bon, wie schwer es Opfern gemacht wird, Taten vernünftig zur Strafanzeige zu bringen. Schon alleine der Umstand, dass der Schock und das Trauma einiges an Details verschluckt, wird nicht berücksichtigt. Jede Unsicherheit von Seiten des Opfers zieht Zweifel an der Täterschaft mit sich. Wir hören nun mal immer erst auf die Täter, denn die Opfer könnten schließlich lügen. Oder alles dramatisieren.

Adélaïde Bon hat mit ihrem Debüt-Roman ein Werk geschaffen, dass so wichtig wie schmerzlich ist. „Das Mädchen auf dem Eisfeld“ tut fürchterlich weh, und das Lesen ist kein Spaziergang. Nicht wenige Tränen werden dabei verdrückt und so manche Passage lässt sich kaum durchstehen, weil man einfach wirklich mitleidet. Weil man die ganze Zeit nur schreien möchte: „Hey! Ich weiß, warum es Dir so schlecht geht! Sieh hin!“. Einfach nur, damit die Protagonistin aufhört, sich so sehr selbst zu hassen und zu quälen. „Das Mädchen auf dem Eisfeld“ macht wütend, weil es zeigt, wie sehr sexuelle Übergriffe immer noch gesellschaftlich akzeptiert sind, und wie wenig Unterstützung die Opfer finden. Und ganz nebenbei – auch wenn es weit weg ist von der Wucht der Thematik – hat Adélaïde Bon etwas geschaffen, was sie sich im Laufe ihres Lebens laut des Buchs immer gewünscht hatte: eine eigene literarische Stimme finden, die wirklich gut ist. Denn so schmerzvoll und furchterregend auch „Das Mädchen auf dem Eisfeld“ ist, so sehr zeigt diese Buch Adélaïde Bon auch als versierte und brillante Schriftstellerin, die hoffentlich genug Trost und Kraft findet, um künftig weiterzuschreiben. Nach diesem harten und weiten Weg sei es ihr ohnehin doppelt gegönnt.

Adélaïde Bon: „Das Mädchen auf dem Eisfeld“, 240 Seiten, Hanser Berlin, ISBN-13: 978-3446262034, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Buchcover)

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Kategorien: Literatur

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