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Geschichten aus der Post-Grimm-Ära

Seitenansicht: „Land of Stories – Das magische Land“ von Chris Colfer

Wie es nach dem Happy End im Märchen weitergeht? Darüber schreibt Chris Colfer in seiner Fantasy-Reihe „Land of Stories“, Buchcover

Wir alle kennen die Märchen der Gebrüder Grimm. Nun gut, die beiden Brüder haben sie nicht selbst verfasst, aber zumindest gesammelt – und das war ein ganz wichtiger Schritt. „Schneewittchen“, „Dornröschen“, „Rapunzel“, „Hänsel und Gretel“ und viele andere Märchen haben dem einen oder der anderen die Kindheit ordentlich versüßt. Selbst wenn Märchen ursprünglich gar nicht für Kinder gedacht waren. Heute zählt man Erfolgsreihen wie die „Harry Potter“-Saga zum Kanon der modernen Märchen, auch wenn das aus literaturwissenschaftlicher Sicht keinesfalls zutrifft. Hier und da versuchen sich auch zeitgenössische Autorinnen und Autoren daran, bekannte Märchen nachzuerzählen. Neil Gaiman widmete sich beispielsweise „Hänsel und Gretel“. Und schon im Jahre 2012 veröffentlichte der amerikanische Verlag Little, Brown and Company kein neues Märchen und auch keine Nacherzählung, sondern den ersten Band der „Land of Stories“-Reihe von Christ Colfer, die einen ganz neuen Zugang zu Grimms Märchen verschafft.

Anstatt die Handlungen nämlich einfach nur zu wiederholen, setzt Colfer mit „Land of Stories“ dort an, wo die Märchensammlung aufhört. Im Zentrum stehen die Zwillinge Alex und Conner Bailey, die erst kürzlich ihren Vater verloren haben. Sie leben in der „normalen“ Welt, also in jener Realität, die auch wir Leserinnen und Leser kennen. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen die beiden von ihrer Großmutter ein ganz besonderes Buch geschenkt, von dem eine starke Aura ausgeht. Als Alex sich dem Buch genauer widmet, fällt sie buchstäblich hinein und verschwindet. Conner folgt ihr und beide erkennen, dass das Buch ein Portal zu einer Märchenwelt ist. Allerdings stolpern sie dabei nicht wild in die bekannten Grimm-Szenarien, sondern erleben die Post-Grimm-Ära. Die Bösen sind alle besiegt, die Guten regieren das Märchenland und eigentlich könnte alles so schön sein. Nur eben mit dem Unterschied, dass Alex und Conner nicht wissen, wie sie wieder nach Hause kommen sollen. Und dann kann auch noch eine der bösen Stiefmütter aus der Gefangenschaft fliehen…

Chris Colfer ist eigentlich für seine Rolle des Kurt Hummels in der amerikanischen Teenager-Satire „Glee“ bekannt. Aber seit frühester Kindheit träumte er davon, Schriftsteller zu werden. Mit seiner „Land of Stories“-Reihe hat er sich diesen Traum nicht nur erfüllt, sondern konnte in den USA auch einen großen Erfolg feiern. Alle sechs Teile der Reihe wurden zu Bestsellern der New York Times und die Rechte an dem Mammut-Projekt haben sich bereits die Produzenten des Netflix-Hits „Stranger Things“ gesichert. Chris Colfer schöpft für seine Reihe aber auch wirklich aus dem Vollen und beweist nicht nur großes erzählerisches Talent, sondern auch ein fundiertes Wissen über Märchen und ein gehöriges Maß an Originalität. Für versierte Märchen- und auch Fantasy-Fans stehen einige klassische Elemente bereit. Dazu gehören natürlich die Zwillinge, die Halbwaisen sind und auch das Buch als Portal, das die Verbindung der zwei Welten darstellt. Das erinnert ein wenig an „Die unendliche Geschichte“ und andere bekannte Werke der fantastischen Literatur. Durch diese klassischen Elemente wird „Land of Stories“ aber keineswegs langweilig, sondern zeigt nur, dass so manches Bewährtes eben schlicht und ergreifend funktioniert.

So groß wie „Harry Potter“ werden die Bailey-Zwillinge wahrscheinlich nicht, aber „Land of Stories“ kann sowohl Märchen-Fans verzaubern, wie auch eine versierte junge Leserschaft an die Materie Märchen und Fantasy heranführen und sie begeistern. Und für all jene, die sich ähnlich wie Alex und Conner ins Buch hineinfallen lassen wollen, hat Colfer auch noch einiges an Zusatzmaterial erarbeitet. Bereits im ersten Band „Das magische Land“ lassen sich nicht nur abgedrucktes Kartenmaterial, sondern auch liebevolle kleine Illustrationen zu Beginn der Kapitel finden. Mit etwas Glück wird auch mindestens eines der insgesamt fünf von Colfer konzipierten Begleitbücher ebenfalls auf Deutsch erscheinen. Wünschenswert wäre es, denn auch, wenn „Land Of Stories“ kein neuer Potter ist, ist die Reihe so gut, dass eine stabile und starke Fangemeinde auch in Deutschland absolut denkbar erscheint.

Chris Colfer: „Land of Stories – Das magische Land 1“, 480 Seiten, Sauerländer, ISBN-13: 978-3737356329, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

(Foto: Buchcover)

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