Matthias Rohl
23. Februar 2010

Filmgeschichte(n): „Citizen Kane“

Furios und zeitlos: Von der inneren Vereisung durch Erfolg und der Desillusionierung des amerikanischen Traums

„Rosebud“ (Rosenknospe) – mit diesem finalen, enigmatischen Todeswort auf den Lippen stirbt der Presse-Tycoon Charles Foster Kane (Orson Welles) verbittert und vereinsamt in seinem düster-bedrohlichen Schloss Xanadu. Aus seiner Hand fällt ein Briefbeschwerer in Form einer Glaskugel mit einem Haus im Schneesturm. Doch was bedeutet dieses Rätselwort, jener berühmte „verlorene Puzzle-Stein“ der Filmgeschichte? Die resümierende Wochenschau „News of March“ zeichnet bedeutsame Stationen des Presse-Zaren nach und stößt auf Ablehnung des Produzenten. Der Reporter Jerry Thomson (William Alland) soll das Worträstel des geheimnisumwitterten Kane lösen.

Filmplakat Citizen Kane

Aufstieg und Fall eines Titaten: „Citizen Kane“, Filmplakat

In fünf rekonstruierenden Rückblenden erzählen fünf Weggefährten in Gesprächen Thomson Episoden aus der Lebensgeschichte des Magnaten: Anwalt Thatcher, Bernstein und Leland, Opernsängerin Susan und Butler Raymond. Der plötzliche Reichtum der Mutter aus einer Goldmine (Agnes Moorehead) ließ Kane nicht nur im Schatten eines Vormunds aufwachsen, sondern auch in der Drill-Atmosphäre der Erziehung von Eliteschulen. Schnell steigt Kane später als junger Mann zum ungestümen Zeitungsherausgeber auf und errichtet ein Presse-Imperium. Als er einen Rivalen im Kampf um ein Gouverneursamt mit unsauberen Mittel bloßstellt, gerät nicht nur sein Imperium bedrohlich ins Wanken, sondern auch sein Privatleben zeigt erste Risse in den monumentalen Mauern des Erfolgs…

Gedicht über den Verfall

„Citizen Kane“ (1941) zeigt Regisseur und Hauptdarsteller Orson Welles (1915-1985) auf der Höhe seiner Kunst. Es mag zwar durchaus nicht unberechtigt sein zu konstatieren, dass manche schauspielerische Theatralik dieses Meisterstücks unwiederbringlich der Kinogeschichte anheimgefallen sei – doch lässt sich ebensowenig verkennen, dass aus diesem legendären Lichtspiel ein ästhetisches Niveau spricht, in dem sich auch das zeitgenössische Filmschaffen im Detail wiederzuerkennen vermag. Vor allem die Autorenfilmer der jüngeren Generation haben ihre cineastischen Lektionen aus diesem Werk gelernt. Seit 1952 führt „Citizen Kane“ stets den ersten Platz der zehn besten Filme „aller Zeiten“ an – nirgendwo sonst ist dieser zeitgenössisch-unscharfe Superlativ so recht am Platz wie in diesen Glücksfall, den Regie-Kollege François Truffaut als „eine Hymne auf die Jugend und eine Meditation über das Alter, ein Essay über die Eitelkeit allen menschlichen Strebens und zugleich ein Gedicht über den Verfall, und hinter all dem eine Reflexion über die Einsamkeit außergewöhnlicher Menschen“ beschrieb. Während sich die New York Times sicher war: „It comes close to being the most sensational film ever made in Hollywood.“

Kane auf Zeitungsbergen

Auf den Fundamenten der Macht: Der junge Charles Foster Kane

Bei all dem lässt uns Welles am Schluss im Faszinosum des Eröffnungsrätels um die Rosenknospe zurück – und dies obwohl wir als Zuschauer immerhin erfahren, welche Geschichte „Rosebud“ offenbart: Als nach Kanes Tod die überbordenden Kunst-Bestände des Schlosses Xanadu erfasst werden und in einem Ofen neben Müll auch jener Schlitten verbrennt, mit dem der junge Kane Abschiedstag von der Mutter spielte, verglimmt der Schriftzug „Rosebud“. Doch geht Regisseur Welles nicht in die Falle eines lauen Psychologismus des „Verlustes der Kindheit“ – in schillernder Vieldeutigkeit entsteht erst jene zeitlos faszinierende Wirkung, die Kanes Lebensgeschichte auch heute noch immer entfaltet.

Pressekrieg in Hollywood

Orson Welles, das „Genie im Labyrinth“ (Bert Rebhandl) hatte sich vor „Citizen Kane“ bereits als junger Mann, kaum über zwanzig Jahre alt, nicht nur mit seinem „Mercury Theatre“ ins Licht des öffentlichen Interesses gerückt, sondern vor allem mit spektakulären Hörspielproduktionen Aufsehen erregt – so 1938 mit der legendären Produktion von H.G. Wells ‚“The War Of The World“ (Der Krieg der Welten), das bei seiner Ausstrahlung in New York eine schwere Panik unter den Bewohnern auslöste. Das weckte folgerichtig Hollywoods Interesse und so erhielt Welles – einzigartig für jene Zeit – sowohl ein Regie-Angebot als auch nahezu sämtliche vertraglich zugesicherten künstlerischen Freiheiten in seiner Eigenschaft als Autor, Schauspieler und Regisseur. Triumphal zog er in der Filmmetropole ein, doch sein Regie-Debüt sollte sich als finanzieller Misserfolg erweisen: William Randolph Hearst, realer Presse-Mogul jener Zeit, sah im Film unvorteilhafte Anspielungen auf seine Biographie und entfesselte einen Medien-Krieg gegen Welles, seinen Film und die Produktionsfirma RKO. So hymnisch begeistert sich die Kritiker auch zeigten, viele Lichtspielhäuser sahen sich gezwungen, dieses Meisterwerk zu boykottieren – Ergebnis: 160 Tausend Dollar Verlust der Produktionskosten.

Kane auf Wahlkundgebung

Großmachtphantast mit realem Vorbild? Politiker Kane auf Wahlkundgebung

Was „Citizen Kane“, der ursprünglich „The American“ heißen sollte, bis heute so ungemein bedeutend für die gesamte Filmgeschichte macht, ist die innovative Kraft, mit der Welles „retardierende Szenen expressionistischer Düsternis“ (Hellmuth Karasek) mit artistisch überbordender Meisterschaft ins Werk setzt, indem er die Kamera in extremen Unter- oder Aufsichten einsetzt und geschickt mit Halltönen und Spiegelreflexen spielt. Und nicht zuletzt „dank der Schärfentiefe des Objektes der Realität ihre wahrnehmbare Kontinuität“ zurückgegeben hat, so der Filmtheoretiker und Mitbegründer der einflussreichen „Cahiers du cinéma“, André Bazin. Seit „CK“ tritt die Erkenntnis machtvoll ins Profil, wie sehr Filmkunst von den Kraftquellen virtuos zeitraffender Rückblenden zehren kann – damals, heute und für alle Zeit.

nächste Folge:
„L.A. Confidential“
Neo-Noir-Thriller in Farbe: Ein Jahr Arbeit und sieben Drehbuchfassungen – Regisseur Curtis Hanson und Co-Autor Brian Helgeland gelingt das Kunststück einer Ellroy-Adaption

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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