Jörg Smotlacha
18. Mai 2019

Die Scheißinsel

Das Theaterstück „Shit Island“ setzt sich in der Eisfabrik mit europäischem Imperialismus und Südsee-Exotik auseinander

"Shit Island", Pressefoto

Heute leider ein hoch verschuldetes Drecksloch: „Shit Island“, Pressefoto

Die 21 Quadratkilometer kleine Insel Nauru liegt im Pazifischen Ozean und ist die kleinste Republik der Erde. Die Koralleninsel verkörpert aber nichtsdestotrotz alles andere als den Traum einer romantischen Südsee-Insel, denn sie hat eine höchst dramatische Geschichte. Zunächst einmal wurde die Insel 1888 von Deutschland annektiert, und das in Absprache mit Großbritannien. Dem Deutschen Reich ging es dabei um strategische Gründe und vor allem darum, seinen Kolonialbesitz im Pazifik zu festigen.

Das alles wäre vermutlich für die Insel-Bewohnerinnen und Bewohner gar nicht mal so schlimm gewesen, wenn nicht 1900 plötzlich die bedeutenden Phosphat-Vorkommen entdeckt worden wären, die Nauru beherbergte und die die Insel plötzlich reich und begehrenswert machten. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Insel dann von Deutschland an Australien, Großbritannien und Neuseeland. Um den Phosphat-Abbau kümmerten sich die Australier, den einheimischen Nauruern blieb nur ein geringer Anteil vom großen Kuchen.

Doch es sollte noch viel schlimmer kommen, denn im Dezember 1940 bombardierten die Deutschen die Zwergen-Insel Nauru aus nichtigen Gründen, eigentlich vor allem, um endlich einen militärischen Erfolg im Zweiten Weltkrieg vorweisen zu können. Das klappte zwar zunächst, doch von August 1942 bis September 1945 war Nauru dann alsbald japanisch besetzt. Die kleine Insel kam einfach nicht zur Ruhe.

1968 ging es dann rapide aufwärts: Nauru wurde endlich unabhängig. 1970 wurde der Phosphat-Abbau verstaatlicht und das Land wurde plötzlich richtig reich, es verfügte ein paar Jahre lang tatsächlich über das höchste Pro-Kopf-Einkommen weltweit! Die riesigen Gewinne wurden allerdings ganz bald in verschiedene mehr oder weniger gute Geschäfte investiert, zum Beispiel in eine eigene Fluggesellschaft und eine Reederei, aber auch in das erfolglose Musical „Leonardo“ in London. Und dann kam es, wie es kommen musste: Es ging um Korruption, australischen Atom-Müll und ein Füchtlingscamp, das der große Nachbar auf der Insel installierte.

Der Witz bei all dem ist, wie aus Scheiße buchstäblich Gold wurde, denn der Reichtum der Insel basierte auf Vogelkot, aus dem dann Phosphat wurde. Und das Drama wiederum bestand darin, wie der Kapitalismus und die imperialistischen Kriege alles zunichte machten, was die Insel je hatte, denn heute ist Nauru beileibe keine idyllische Südsse-Insel mehr, sondern ein Drecksloch – eine hoch verschuldete Mondlandschaft mit übergewichtigen und überwiegend kranken Bewohnerinnen und Bewohnern.

Umso spannender, dass die Kölner Theatergruppe Futur3 diese Thematik mit „Shit Island“ nun wieder – eigentlich aktueller denn je – aufgegriffen hat, um davon zu berichten, wie die Einwohner der Insel in kurzer Zeit zu sagenhaften Reichtum kamen, um dann auch wieder ganz fix ins Elend zu stürzen. Eine theatrale Reise, die dokumentarisch und politisch ist, aber auch unglaublich.

Mit Südsee-Schlagern, aktuellen Reportagen und Interviews erforscht „Shit Island“ die Verquickung des europäischen Imperialismus mit der westlichen Inszenierung von Südsee-Exotik. „Shit Island“ wurde 2017 uraufgeführt und 2018 mit dem „Kurt-Hackenberg-Preis für Politisches Theater“ ausgezeichnet. Es spielen Irene Eichenberger, Stefan H. Kraft und Luzia Schelling.

Samstag, 18. Mai 2019:
„Shit Island – Ein postkolonialer Südseetraum“, Ein Stück von Futur3 / Freies Theaterkollektiv Köln, Eisfabrik Hannover, Commedia Futura, Eisfabrik, Seilerstr. 15 F, 30171 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 15 Euro, ermäßigt: 10 Euro

(Foto: Pressefoto/Commedia Futura)

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Kategorien: Bühne, Politik, Tagestipps

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