Sebastian Albrecht
17. Mai 2019

Quiet is the new Loud

Gemeinsam mit ihrer Akustik-Gitarre und einer Cellistin beweist Mari Mana im Theater an der Glocksee, dass es nicht immer lauter Töne bedarf, um gehört zu werden

Mari Mana, Singer-Songwriterin

Wurde Gerüchten zufolge noch nie ohne ihre Akustik-Gitarre gesehen: Mari Mana

Es war eine Nachricht, die dem Ende des Abendlandes schon recht nahe kam, und dennoch ging sie ein bisschen unter, obwohl einige Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder der Rolling Stone im letzten Jahr darüber berichteten. Niemand ging auf die Straße, um gegen diese Zustände zu demonstrieren, es trendeten keine fancy Hashtags bei Twitter und auch eine Petition, um den Bundestag auf den Ernst der Lage hinzuweisen, blieb aus. Interessierte es einfach niemanden oder hatten alle schon aufgegeben? Dabei ging es um nichts weniger als den Niedergang der Gitarre!

Sicher, ein Abgesang auf die Rockmusik wird regelmäßig alle paar Jahre angestimmt, bis gerade noch rechtzeitig ein paar blasse Jungs mit verwuschelten Frisuren und in Skinny Jeans um die Ecke kommen, um ihr wieder Leben einzuhauchen. Ist mal keine hippe Indie-Boyband in Sicht, übernehmen längst auch Frauen das Ruder. Virtuos an der Gitarre sind nur Männer? Einfach mal bei St. Vincent nachfragen. Doch diesmal ist alles anders: Die Umsätze sinken, der bekannte Gitarren-Hersteller Gibson musste letztes Jahr Konkurs anmelden und auch der große Konkurrenz Fender hat Schwierigkeiten, seine Instrumente an den Markt zu bringen. Das Interesse der Jugendlichen an der Gitarre hat nachgelassen, andere Genres haben Rock in der Beliebtheit überholt und durch die Digitalisierung kann Musik inzwischen auch komponiert werden, ohne dafür ein Instrument beherrschen zu müssen.

Doch vermutlich ist der Alarmismus auch hier wieder verfrüht: Rockmusik ist erst dann tot, wenn sie regungslos am Boden liegt, keinen Puls mehr hat und ihr Würmer aus den Augenhöhlen kriechen. Obwohl neue Ausnahme-Gitarristen wie Jimi Hendrix, Jimmy Page, Jack White oder St. Vincent in den 2010er-Jahren in der Tat eher spärlich gesät waren, mangelt es doch nicht an aufkommenden neuen Gitarren-Bands. Außerdem beschäftigt sich der Abgesang zumeist vornehmlich mit der E-Gitarre. Und so schön jauliges Gekreische und rostige Verzerrung auch sind, ist auf der Gitarre weitaus mehr möglich als bloß höllische Infernos. Durch zahlreiche Lagerfeuer-Abende und „Country Roads“-Schunkeleien zu unrecht in Verruf geraten, ist die Akustik-Gitarre aber eine ernstzunehmende Alternative zu ihrer elektrischen Schwester und gerade dabei, wieder mehr in den popkulturellen Fokus zu geraten. So ist beispielsweise die Britin Jade Bird, die Country, Blues und Americana mit einem Hauch Neunziger und aktuellem Indie-Pop transformiert, momentan der aktuelle „New hot shit“ in den Musik-Gazetten. Und nicht minder gut, aber noch nicht ganz so offensichtlich auf dem Hype-Radar ist die Berliner Singer/Songwriterin Mari Mana.

Zum Glück möchte man fast sagen, verglühen hoffnungsvolle Musiktalente doch nach NME-Titelstory und anderem Hype-Gedöns doch häufig viel zu schnell. Abseits vom großen Rummel, aber sich doch stetig eine größere Fangemeinde erspielend, ist Mari Mana diesen Frühling wieder auf Tour durch Deutschland, die sie zum Abschluss heute auch nach Hannover führt. Wo andere den Ton durch zahlreiche Effekte jagen, steht Mana alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne und verlässt sich auf das Zusammenspiel der unaufgeregten Gitarren-Begleitung und ihrer Stimme, die ein Hauch von Soul und Blues umweht. Fast alleine, muss man richtigstellen, denn die Cellistin Lee Caspi begleitet sie bei ihrem Auftritt. Irgendwie schon nachvollziehbar ist der eigentlich fürchterliche Feen-Vergleich einiger Zeitungen, der versucht, Mari Mana und ihre Musik in Worte zu fassen, denn Zerbrechlichkeit und Schönheit ist ihnen ebenso wenig abzusprechen wie eine gewisse Magie. In ihre Singer/Songwriter-Kompositionen flechtet Mana mal hier eine souleske Note ein, mal dort etwas Blues und mal da ein bisschen Folk, und klingt dabei angenehm vertraut und unaufdringlich, so dass man fast gar nicht merkt, wie ihre Songs einen schon gepackt haben. Heute Abend wird Mari Mana im Theater an der Glocksee zu sehen sein. Und ganz nebenbei zeigen: Um die Gitarre muss sich erstmal noch niemand Sorgen machen.

Freitag, 17. Mai 2019:
Mari Mana, Theater an der Glocksee, Glockseestraße 35, 30169 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 10 Euro

(Foto: Pressefoto/Theater an der Glocksee)

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Kategorien: Musik, Tagestipps

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