Sebastian Albrecht
20. Mai 2019

(Post-)Kommunistische Depression

Seitenansicht: „Der süße Betrug des Lebens“ von Sándor Zsigmond Papp

Der süße Betrug des Lebens, Roman von Sándor Zsigmond Papp

Mit seinem Debüt „Der süße Betrug des Lebens“ hat Sándor Zsigmond Papp ein interessantes Panorama des von der kommunistischen Diktatur geprägten Rumänien geschaffen

Die Straße des Fortschritts 79, so lautet der Name eines Hauses in einer Stadt nahe der rumänisch-ungarischen Grenze. Entgegen seinem Namen trägt das Haus jedoch wenig Fortschrittliches an sich. Und auch schmückende Verzierungen aus längst vergangenen Zeiten, die ihm eine altertümliche Eleganz verleihen könnten, kann es nicht vorweisen. So bewegt sich das Gebäude, „ein massives, graubraun vertrocknetes Eckhaus“, immer etwas unter dem Radar. Und vielleicht ist die Straße des Fortschritts 79 deswegen auch der perfekte Ort, an dem die verschiedene Erzählstränge zusammenlaufen, die Sándor Zsigmond Papp in seinem Erstling „Der süße Betrug des Lebens“ – das in Ungarn übrigens bereits 2011 erschien – auslegt. Genauer, in einer Wohnung des Hauses, in der die drei Protagonisten, denen jeweils einer der drei Teile des Romans gewidmet wird, nacheinander mit ihren Familien bewohnen. Die Wohnung, so viel sei verraten, ist jedoch nicht das einzige, das die Protagonisten miteinander verbindet.

Zuerst ist da Rudolf, ein älterer, alleinstehender Mann, Hauptfigur des ersten Teils des Buchs. Rudolf schreibt, mit einem Bleistift auf Papier, eine Tätigkeit, die ihn nach wenigen Seiten stets zu ermüden beginnt. Rudolf, der zu Beginn der 1980er-Jahre in einer viel zu großen Wohnung an seinem Küchentisch sitzt und schreibt, ist, das erfahren wir schnell, jedoch kein Schriftsteller, sondern Spitzel für das kommunistische Regime Rumäniens unter Generalsekretär Nicolae Ceaușescu und protokolliert das Leben seiner Nachbarn.

Auf Rudolf folgt Roland, ein siebzehnjähriger Gymnasiast, der mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder Viorel nun in der Wohnung lebt. Als Sohn eines einflussreichen Vaters ist er zwar mühelos Klassenbester, muss sich einen ungezwungenen, freundschaftlichen Umgang mit den anderen Jugendlichen jedoch erst erwerben, da diesen von Zuhause eingebläut wurde, auf Distanz zu Roland zu gehen, um nicht in den Fokus der Geheimpolizei zu geraten, für die Rolands Vater arbeitet. Hat er bei Mädchen bisher in erster Linie ans Fummeln und Ficken gedacht, fühlt Roland für Eszter, die Assistentin der Schulärztin, zum ersten Mal so etwas wie Liebe. Eszter ist gleichzeitig die dritte Protagonistin, die im mittlerweile postkommunistischen Rumänien schließlich die Wohnung bezieht. Durch alle drei Teile streifen auch immer wieder die anderen Hausbewohner wie Mecseki, der Frauenheld, oder der Hauswart Kalcsek.

Nicht immer einfach

Sándor Zsigmond Papp gelingt es gleich mit seinem ersten Roman, das sei schon einmal vorausgeschickt, ein interessantes, atmosphärisches und stellenweise durchaus auch beeindruckendes Bild verschiedener, vom totalitären System geprägter Menschen zu zeichnen. Auch nachdem der Generalsekretär Ceaușescu zum Tode verurteilt wurde und Rumänien zu einer Demokratie geworden ist, bleiben die Angst, die Skepsis und der Wunsch, lieber zu wenig als zu viel zu wissen, in der Bevölkerung spürbar.

Dennoch macht es Papp, wohlwollend formuliert, seiner Leserschaft nicht immer einfach, was auch an seiner Erzählweise liegt: Warum Rudolf alleine in seiner Küche sitzt, was aus seiner Frau und seinem Sohn geworden und wie er zum Spitzel geworden ist, mit welchem Skandal Roland sich und seinen Vater in die Bredouille gebracht und den patriarchalischen Zorn auf sich gezogen hat, von wem Eszter ein Kind erwartet, wer ihr Freund Jani Rot wirklich ist und was aus Roland wurde, alldem nähert sich Papp in Schichten. Oder besser noch, auf Umwegen. Beim Häuten einer Zwiebel wird nacheinander Schicht um Schicht abgetragen, in „Der süße Betrug des Lebens“ nähert sich Papp dem wesentlichen Ereignis hingegen nicht linear und springt häufiger in den Zeitebenen hin und her. Wer nicht aufpasst, verheddert sich schnell in den chronologischen Abläufen. Hat man sich nach den ersten Kapiteln erst einmal daran gewöhnt, funktioniert der assoziative Erzählstil jedoch ganz gut.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die beschriebene Sexualität, die – wenn auch in jeweils unterschiedlicher Art und Weise – in allen drei Teilen eine prominente Rolle einnimmt. Allgemein sind Sex und Erotik ja nicht selten die Achillesferse auch renommierter Schriftsteller und verkommen häufig zu einer Ansammlung aus Banalitäten und Geschmacklosigkeiten, so das einen das Grauen befällt: Es wird eingedrungen und gestoßen und feuchte, warme Dinger werden erkundet – und alles klingt eher nach Entdeckungsreisen lovecraftscher Welten als nach knisternder Zweisamkeit oder menschlichen Körpern. Und auch Papp könnte, nun ja, die eine oder andere obszöne Plattheit sicherlich etwas stilsicherer umschiffen. Sieht man hier über die eine oder andere sprachliche Unschönheit hinweg – um die ja in diesem Bereich selbst ein literarisches Genie wie William Faulkner nicht immer herumkam –, entdeckt man die unterschiedlichsten Facetten von Sexualität: Sex als Mittel zum Zweck, jugendliche Kopulationslust, Verkopftheit, sexuelle Aversion. Und man argwöhnt, wie häufig doch Sex mit Unsicherheit und Traurigkeit verknüpft ist. Und plötzlich ist die abwesende Erotik gar nicht mehr so verwunderlich. In Romanen. Und auch sonst.

Ein Debüt, bei dem es viel zu entdecken gibt

Tristesse an allen Ecken und Enden, könnte man also sagen, nicht nur im Öffentlichen und Politischen, sondern auch im Privaten, und irgendwie ist da auch etwas dran. Dem gegenüber steht glücklicherweise Papps Sprache, und so sehen wir Rudolf und Ronald, aber auch anderen wie Ronalds Vater Mihai Gondru, immerhin mit schönen Metaphern und bezaubernden Sätzen dabei zu, wie sie durchs Leben stolpern oder es irgendwie gleich gegen die Wand fahren: „Und auch Ostern feierten sie zweimal“, heißt es an einer Stelle über Roland, der nach der katholischen Lehre erzogen wird, und seinen Bruder, der orthodox aufwächst, „klar, dass die Jungen zweimal die Runde machten, um die Mädchen mit Osterwasser zu bespritzen, ihr Vater konnte sich den Magen zweimal mit Likören und Schinken verderben, ihrer Mutter stank zweimal das Haar von den abscheulichsten Parfüms, und der Erlöser musste beide Male auferstehen, als wüsste er selbst nicht, in was für eine dämliche Welt er kam.“ Schöner muss man das Elend von Happy Family auch erst mal formulieren.

„Aber so waren die Männer nun mal, sie schmollten immer wegen der unbedeutendsten Einzelheiten und bemerkten das Wesentliche letztlich nicht.“ Noch so ein Satz, der in seiner Unscheinbarkeit fast übersehen lässt, wie famos er doch eigentlich ist. Und auch wenn desaströses Scheitern natürlich weiterhin Männersache ist, ist es nicht so, als gingen Eszter oder Rudolfs Frau Márta triumphal aus der ganzen Geschichte hervor, denn das Beste aus einer Sache machen oder gar etwas mitzunehmen, bedeutet am Ende nicht, diese deprimierende schmierige Staubschicht der kommunistischen Diktatur abwischen zu können, die sie auch dann noch prägt, als längst alles vorbei ist.

Dennoch hat Eszter Ronald und Rudolf etwas voraus: Scheinen die beiden ersten Teile des Buchs zunächst die spannenderen zu sein, allein schon, da sie noch in der kommunistischen Diktatur angesiedelt sind, zieht die Handlung um Eszter zwischen Schwangerschaft, der Akzeptanz, eine lebende Männerfantasie zu sein, und Vergangenheitsbewältigung plötzlich an und bietet einige der schönsten Momente des Buches: Plötzlich ist die Stadt in einem so dichten weißen Nebel gehüllt, dass Busse ihre Strecke nicht mehr finden und ein Priester ihn kurzerhand zum Atem Heiliger erklärt. Als der Nebel schließlich doch verschwindet, liegt auf den Straßen so viel Müll, dass die Stadt sich nicht mehr davon befreien kann. Unweigerlich denkt man an den nicht enden wollenden Regen in Macondo aus „Hundert Jahre Einsamkeit“. Auch ein anderer Klassiker der Literaturgeschichte spielt für Eszter später noch eine Rolle…

Obwohl es sicher nicht geschadet hätte, wenn „Der süße Betrug des Lebens“ einige Seiten kürzer ausgefallen wäre, ist Sándor Zsigmond Papp, zumal für ein Debüt, ein gutes, stellenweise gar großartiges Buch gelungen, in dem es viel zu entdecken gibt und das einem ein Stück rumänischer Historie näher bringt. Manchmal ist hierfür allerdings Wissen in rumänischer oder ungarischer Geschichte hilfreich, es ist also ratsam, Smartphone oder Computer zu Recherche-Zwecken in Griffweite zu haben.

Sándor Zsigmond Papp: „Der süße Betrug des Lebens“, 576 Seiten, Heyne Encore, ISBN-13: 978-3-453-27158-6, 24 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel