Sebastian Albrecht
21. Mai 2019

Der peinliche Körper

In der Buchhandlung Leuenhagen & Paris widmet sich die Medizinerin und Autorin Yael Adler unangenehmen Fragen rund um den Körper

Darüber spricht man nicht. Weg mit den Körpertabus, von Dr. med. Yael Adler

Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen? Nicht, wenn es vermeintliche Körpertabus betrifft, findet Dr. med. Yael Adler

Lernt man als Kind seine erste Sprache, passiert das in der Regel ohne Lehrbücher und Vokabel-Trainer. Eifrig wird nachgeplappert, was aufgeschnappt wird, sehr zum Leidwesen mancher Eltern, wenn beispielsweise die ältere Nachbarin gefragt wird: „Hast du heute wieder Naschi für mich?“ Werden Umgangsformen in Fremdsprach-Lehrbüchern in der Regel ausführlich erklärt, scheinen die elterlichen Ermahnungen meist zum einen Ohr rein und ungehört zum anderen wieder rauszugehen: Erwachsene siezt man und fragt sie auch nicht einfach nach Naschzeug, denn das ist unhöflich. Und das Kind? Hat das noch nie gehört! Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Eltern, Oma und Opa, die gesamte Klein- und Großverwandtschaft, Lehrerinnen und Lehrer, die älteren Geschwister und auch ungefragt fremde Menschen an der Ampel, im Bus oder Supermarkt gebetsmühlenartig wiederholen, bis es auch die letzte Deern und der letzte Steppke begriffen hat: „Das tut man nicht“, „das sagt man nicht“, „darüber spricht man nicht“.

Manche dieser weisen Ratschläge verfolgen einen dann noch bis in das Erwachsenen-Alter und so gibt es auch noch viele Dinge, über die einfach nicht gesprochen wird, wenn man bereits der eigenen Kindheit entschlüpft ist. Etwa über Geld im Allgemeinen und Gehalt im Speziellen. Über das schwarze Schaf in der Familie, wie den Onkel, der mit der siebzehnjährigen Freundin seines Sohnes nach Kanada durchgebrannt ist. Über Alkoholsucht oder Depression. Sofern es einen über wenige Ecken direkt betrifft, natürlich. Ebenfalls sehr beliebt als zu umschiffendes Thema: der eigene Körper, dessen Funktionen, Sekrete und Töne, diverse Krankheiten und Störungen, die einfach zu unangenehm sind, um darüber zu sprechen – manchmal sogar vor Ärztin oder Arzt. Denn wer spricht schon gerne darüber, dass es nach dem letzten Tinder-Date „untenrum“ so juckt, als habe sich eine Feuerameisen-Kolonie eingenistet, beim Aufstoßen immer das halbe Mittagessen mit hochkommt oder noch jedes 48-Stunden-Deo bereits wenige Minuten nach dem Aufsprühen versagt?

Der Körper gleicht einem Tabu-Minenfeld, das zu durchqueren schier unmöglich ist, ohne dabei in die Luft zu fliegen. Schluss damit, meint Dr. med. Yael Adler, die in ihrer Praxis tagtäglich mit solch vermeintlichen Tabus konfrontiert ist. Denn erst ihr Brechen, ihr Ansprechen bietet die Möglichkeit, sie zu beseitigen, statt in Scham ewig an ihnen weiter zu leiden. In ihrem Buch „Darüber spricht man nicht. Weg mit den Körpertabus“ erklärt Adler zahlreiche dieser Peinlichkeiten und möchte ihnen so das Unangenehme nehmen. In der Buchhandlung Leuenhagen & Paris stellt die Medizinerin heute Abend nicht nur ihr Buch vor, sondern sich auch den interessierten Fragen des Publikums. Und die müssen niemandem peinlich sein.

Dienstag, 21. Mai 2019:
„Darüber spricht man nicht. Weg mit den Körpertabus“, Lesung mit Yael Adler, Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Lister Meile 39, 30161 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 10 Euro

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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