Susanne Viktoria Haupt
1. Juni 2019

Der perfekte Soundtrack

Zum vorletzten Mal auf der Bühne der Eisfabrik: „Vielleicht sowas wie…“, ein Theaterstück von und mit Jugendlichen

Die Jugendlichen der Schauspielgruppe futura2.0 geben heute auf der Bühne der Eisfabrik alles

Ich war 14 Jahre alt, als mir mein Vater ein Best of-Album von Janis Joplin geschenkt hatte. Grund dafür war, dass ich ein Buch gelesen hatte, in dem die Protagonistin vornehmlich Janis Joplin hörte. Damit ich also nicht mehr andauernd an der Musikanlage meines Vaters hing, schenkte er mir jenes Best of-Exemplar, dessen Bedeutung für meinen weiteren Musikgeschmack auch wissenschaftlich untermauert ist. Laut Wissenschaft ist es nämlich die Pubertät, die wunderbare Jugend, in der sich unser ganz persönlicher Musikgeschmack ausbildet. Daher sind es auch die Songs, die wir im Alter von 14 oder 15 gehört haben, die uns ganz besonders im Gedächtnis bleiben. Wahrscheinlich kann ich daher immer noch die Texte von „Mercedes Benz“ und „Me and Bobby McGee“ auswendig.

Wer sich einfach einmal hinsetzt und die alten Hits aus seiner Jugend herauskramt, der wird nicht nur von einem wunderbaren Gefühl der Nostalgie ergriffen, sondern gleichermaßen merken, dass sich seitdem deutlich weniger geändert hat, als man glaubte. Das bedeutet nicht, dass man immer noch ausschließlich jene Songs hört, die man während des ersten richtigen Liebeskummers rauf und runter spielte (Radiohead. Immer und immer wieder), sondern das die heutigen musikalischen Vorlieben irgendwie jenen von damals ähneln. Und irgendwie haben sich die Songs von damals auch tief in die eigene Persönlichkeit geschrieben. Manchmal markieren bestimmte Songs auch einen Umbruch in unseren Leben, einen wichtigen Punkt, der vieles verändert. Wenn ich „Du, ich und wir zwei“ von den Wohlstandskindern höre, habe ich immer etwas Tränen in den Augen und muss sofort meiner besten Freundin Steffi schreiben. Und alles nur, weil wir den Song damals zum Abitur häufiger gehört haben und ich ihr die Zeile „Du und ich allein, brauchen keine Worte, um zu verstehen, diese Tage waren schön“ ins Jahrbuch schrieb.

Ähnlich dürfte es den Abiturientinnen und Abiturienten gehen, die gemeinsam mit Jacek Darwicki und Wolfgang A. Piontek im Rahmen des Projekts futura2.0 das Stück „Vielleicht sowas wie…“ entwickelten. Denn in diesem Bewegungstheater geht es genau um jene Songs, die diese Jugendlichen geprägt haben und tief verbunden sind mit den Gefühlen des Aufbruchs, eines letzten jugendlichen Sommers und den Ängsten, die mit diesem Umbruch verbunden sind. Alle Teilnehmenden stehen an diesem ganz besonderen Wendepunkt ihres Lebens. Jener Punkt, an dem sich die bekannten Strukturen auflösen und man nur darauf hoffen kann, dass man nicht fällt, sondern fliegt. Das Besondere an diesem Stück ist, dass es einen Einblick in die heutige Gedanken- und Gefühlswelt der Jugendlichen gibt. Doch darüber hinaus zeigt „Vielleicht sowas wie…“ auch, dass sich trotz veränderter Rahmenbedingungen ein Umbruch im Jugendalter noch genauso anfühlen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Und dass wir auch heute noch immer nach dem perfekten Soundtrack suchen. Zu sehen ist „Vielleicht sowas wie…“ heute zum vorletzten Mal in der Eisfabrik. Es spielen Simón Serra, Steven Osasu, Emma Zich, Sina Thomas, Anna Winands, Kardelen Sikkaak, Yana Ismail, Sasha Windwehr und Elena von Buch.

Samstag, 1. Juni 2019:
„Vielleicht sowas wie…“, futura2.0 – Bewegungstheater mit Jugendlichen, inszeniert von Jacek Darwicki, Eisfabrik Hannover, Seilerstr. 15 F, 30171 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 7 Euro

  • weitere Aufführung:
  • Donnerstag, 6. Juni, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Eisfabrik Hannover/Commedia Futura)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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