Susanne Viktoria Haupt
3. Juni 2019

Flanieren auf Irisch

Seitenansicht: „Spaziergänge durch Dublin“ von John Banville

Falls der Urlaub 2019 noch nicht gebucht ist, bringt dieses Büchlein Inspiration: John Banvilles „Spaziergänge durch Dublin“, Buchcover

Eigentlich ist der Titel dieser Rezension irreführend. John Banvilles neuestes Werk heißt „Spaziergänge durch Dublin“ und nicht „Flanieren durch Dublin“. Denn Flanieren ist durchaus etwas anderes als Spazieren. Flanieren ist eine ziellose Praxis. Der Flaneur verliert sich dabei auch gerne in Menschenmengen und folgt intuitiv kleinen und größeren Reizen, die ihn wieder zu anderen Orten ziehen. Der Flaneur legt es deutlich mehr darauf an, zu entdecken, anstatt einfach nur eine Runde zu drehen. Das soll aber nicht bedeuten, dass Spazieren eine minderwertige Kulturtechnik ist. Glücklicherweise bietet John Banvilles sehr persönlicher neuer Stadtführer beide Perspektiven und ist sehr lesenswert.

John Banville wurde am 8. Dezember 1945 in Wexford geboren. Obwohl er nicht direkt aus Dublin stammt, unterhält er eine ganz besondere Beziehung zur irischen Hauptstadt. In seinen ersten Lebensjahren gehörte es nämlich zur traditionellen Geburtstagsüberraschung, dass seine Mutter mit ihm nach Dublin fuhr und den Tag dort verbrachte. Alleine seine Erinnerungen an die Zugfahrt wirken erstaunlich genau und läuten Banvilles Stadtrundgang ein: „Als wir irgendwo vor Arklow waren, begann es hell zu werden, und das Weiß der mit Reif überzogenen Felder ging über in eine grell glitzernde Nuance von Glimmer-Pink.“

Glücklicherweise langweilt uns der irische Schriftsteller, der nach eigener Aussage sogar von Dublin träumt, wenn er in Dublin ist, nicht mit den klassischen Sightseeing-Punkten. Banvilles Haupt-Augenmerk liegt ganz klar auf Stationen, die von Touristenschwärmen übersehen werden und von deren Geschichte so mancher Dubliner vielleicht nicht einmal selber etwas weiß. So rezitiert Banville nicht nur den großen irischen Dichter Patrick Kavanagh, sondern erläutert auch seine einstige Liebe zum Grand Canal in Dublin und die zwei Bänke, die zu Ehren Kavanaghs dort aufgestellt wurden. Diese Fakten werden allerdings nicht simpel abgearbeitet, sondern in ihren Entstehungskontext gesetzt und literarisch aufbereitet. So auch, wenn Banville von der feierlichen Einweihung einer der Bänke spricht: „Schauspieler des Abbey Theatre kamen und lasen aus den Werken des Dichters, und wenn wir Ryan glauben dürfen, blieb bei den Anwesenden kein Auge trocken.“

Dieser Linie bleibt Banville treu und anstatt auf beispielsweise die legendäre Guiness-Brauerei einzugehen, bringt er der Leserschaft irische Dichterinnen und Dichter und das gregorianische Dublin mit seinen roten Backsteinen und den eigenwilligen Charakter der Stadt und seiner Bewohner näher. „Genau wie Budapest, Prag oder Warschau hielt sich auch in Dublin die Intelligenz mit einer Mischung aus Gewitztheit, Vorsicht und Galgenhumor irgendwie über Wasser.“ Untermalt werden seine fließenden Ausführungen dabei von stimmigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Paul Joyce, der schon Johnny Cash und Samuel Beckett vor der Linse hatte.

Neben Banvilles persönlichen Lieblingsplätzen in Dublin sind es aber auch Geschichten aus seiner eigenen Vergangenheit, die er gekonnt mit dem Stadtrundgang verbindet. Zu Beginn berichtet er zum Beispiel von seiner Tante, der „alten Jungfer“, die seine Mutter und er in Dublin stets besucht hatten und die einen besonderen subversiven Humor besaß. Später versucht er die Differenz zwischen Paris und Dublin zu erläutern, die ihm auffiel, als er mit achtzehn Jahren zum ersten Mal die französische Hauptstadt besucht hatte. In diesem Zusammenhang erfahren wir auch, dass seine eigene Tochter mittlerweile in Paris lebt und jene Orte, die er ihr einst als Kind gezeigt hatte, nun zu ihren Lieblingsorten in der fernen Heimat gehören.

„Spaziergänge in Dublin“ ist ein außergewöhnlicher Stadtführer mit einem hohen Grad an Poesie. Es ist sogar von Vorteil, dass Banville selbst kein gebürtiger Dubliner ist, denn dadurch hat er sich den Blick, die Faszination und die Neugierde eines außenstehenden Entdeckers bewahrt. Es ist kein Werk, das sich nur an Fans der irischen Hauptstadt richtet, sondern mehr eine in Worte verfasste Motivation, um die nächste Fähre zu besteigen und Neuland zu entdecken. „Spaziergänge in Dublin“ macht Lust auf mehr, ohne dabei zu viel vorweg zu nehmen.

John Banville: „Spaziergänge durch Dublin“, 272 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462052138, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

Ein Kommentar

  1. Christa Schuenke sagt:

    Eine schöne Rezension. Allerdings bliebe noch anzumerken, dass John Banville ein Meister der Sprache ist, nämlich eines überaus kultivierten, tief in der irischen Literatur verwurzelten Englisch. Liest man diese Rezension von Susanne Viktoria Haupt, könnte man meinen, sein Deutsch sei ebenso meisterhaft und poetisch wie sein Englisch. Wie sonst hätte er die deutsche Version seiner – wie es vielerorts heißt – Ode auf die Stadt Dublin, die übrigens im Origina den Titell „Time Pieces – A Dublin Memoiren“ trägt, verfertigen können? Die Antwort ist: er hat natürlich nicht auf Deutsch geschrieben. Die deutsche Fassung stammt von seiner langjährigen deutschen Übersetzerin, von der er selbst vor einem Jahr während eines gemeinsamen Workshops sagte, sie sei die zweite Autorin eines jeden von ihr übersetzten Buches aus seiner Federe und dürfe sich mit dem gleichen Recht Schriftstellerin nennen wie er selbst. Wer dieses Buch und die meisten seiner Romane aus den letzten zwanzig Jahren gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass diese Übersetzerin identisch ist mit der Verfasserin des hier vorliegenden Kommentars. Ich übersetze John Banville seit. 25 Jahren und finde es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass in einer Kritik wie der von Frau Haupt der Name der Übersetzerin mindestens erwähnt wird.

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