Milena Wurmstädt
13. Juni 2019

Ein Abschied wie ein Feuerwerk

Thorleifur Örn Arnarssons „Macbeth“ im Schauspielhaus zeigt den Menschen in seiner ganzen Ambivalenz – eine Rezension

"Macbeth", Pressefoto

Zwischen Schönheit und Hässlichkeit: Szene aus der Macbeth-Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson

Das letzte Mal lief Shakespeares „Macbeth“ nun unter der Regie von Thorleifur Örn Arnarsson im Schauspielhaus Hannover und das darf man durchaus als Anlass nehmen, ein bisschen zu trauern. Denn es war die Art von Inszenierung, die man sich wohl mehrmals hätte anschauen können, ganz ohne in Gähn-Anfälle zu verfallen, und das lag definitiv nicht nur an dem genialen Stoff, den Arnarsson in seiner gesamten schillernden Vielschichtigkeit zu interpretieren wusste.

Bei Arnarsson dürfen Schönheit und Hässlichkeit sich ganz nahe begegnen. Das zentrale Element des Bühnenbildes: eine runde Scheibe, die mal als Karussell der Grausamkeiten, mal, mit Spiegel versetzt, als Guckloch in den Abgrund und mal als Bühne in der Bühne fungierte. Diese perfekte, scheinbar so natürliche Form des Kreises diente hier nicht bloß zur Repräsentation von Vollkommenheit, sondern ebenso zur Darstellung von menschlichem Elend und elender Menschlichkeit. Hier hat Arnarsson es vermocht, den Menschen in seiner ganzen Shakespearschen Ambivalenz und Widersprüchlichkeit zu zeigen: Stärke ganz nah an Schwäche, große Liebe ganz nah am kompromisslosem Hass und perfekte Ästhetik ganz nah an totaler Zerstörung.

Die Inszenierung schafft es, sinnlich anzusprechen, beispielsweise zu Beginn, als sich die „Hexen“ auf dem drehenden Karussell in Trance trommeln, bis eine Person nach der anderen entkräftet zu Boden fällt, während die gesamte Bühne in Halbdunkel  und Nebel getaucht ist. Ebenso vermag Arnarssons Regie es, intellektuell zu fordern und niemals in langweiliger Eindeutigkeit zu versinken.

Immer wieder tauchen hypnotische, mystische Elemente auf: Sei es in der Musik, die zum Großteil von einem, in die schauspielerische Interaktion eingebundenen Saxofonisten getragen wird, dessen minimalistische Sequenzen hauptsächlich aus zwei bis vier Tönen bestehen und mehrmals in Kalkbrenner-liken Trance-Techno überschwingen, oder auch im Dialog, wenn sich so eben gefallene Wörter oder Sätze am anderen Ende der Bühne plötzlich wiederholen. Hier wird eine subtile Brücke zum mythischen Ursprungsstoff geschlagen, auf den Shakespeare sein Drama aufbaute.

Machbeths zunehmender Wandel zum Tyrannen verläuft gefühlt exponentiell zur Masse des eingesetzten Kunstblutes, bis gegen Ende fast alle Körper mit einer glänzend roten Schicht überzogen sind. Was meist schön anzusehen ist, artet leider gelegentlich in sinnliche Überladung und Überreizung aus. Nicht nur was den Einsatz von Kunstblut betrifft, sondern auch den der Musik, die gelegentlich in Form von extrem dumpfen, undifferenzierten Sound-Wänden gen Zuschauerraum prischt. Dank der ansonsten sehr fein ausgearbeiteten Effekte, ist dieses gelegentliche „mehr ist mehr“ jedoch leicht verzeihbar. Fazit: Diese Macbeth-Derniere bildete einen in vielerlei Hinsicht runden Abschied von der Ära der Intendanz von Lars-Ole Walburg und ließ Neugier auf die neue Spielzeit wach werden.

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Katrin Ribbe)

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Kategorien: Bühne

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