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Der Schmerz hinter der Komik

Seitenansicht: „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky

Mit „Der Zopf meiner Großmutter“ schenkt uns Alina Bronsky erneut eine vielschichtige Frauenfigur

Die Bestseller-Autorin Alina Bronsky hat uns seit ihrem fulminanten Debüt „Scherbenpark“ von 2008 einige wunderbare Frauenfiguren geschenkt. Denn diese sind nie glatt, nie eindimensional, nie langweilig – und das zeichnet allgemein die Figuren in Bronskys Romanen aus. Und auch mit ihrem neuen Roman „Der Zopf meiner Großmutter“ bleibt sie ihrer allgemeinen Linie treu, die Kritiker bereits länger den „Brosky-Beat“ nennen. Dazu gehört neben den kantigen Figuren ein Erzählton, der wie ein Rausch über die Seiten fegt und die Leserschaft mit halb offenem Mund auf der letzten Seite verzweifelt zurücklässt. Man fragt und sagt sich: „War es das schon? Kommt da noch mehr? Hey, Alina, ich will aber mehr!“ Auch im Falle ihres neuen Romans ist dies der einzige Kritikpunkt, den ich gleich zu Beginn anbringen will: Zu kurz, zu wenig. Denn nur zu gerne hätte ich über die Figuren, die ich schon nach wenigen Seiten auf eigenartige Weise ins Herz geschlossen hatte, mehr erfahren.

Bronsky selbst ist ein sogenannter Kontingent-Flüchtling, sie kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Das Thema Migration ist ihr demnach mit allen Höhen und Tiefen vertraut. So ist es wenig verwunderlich, dass „Der Zopf meiner Großmutter“ nicht nur genau dieses Thema aufgreift, sondern gleichermaßen an Authentizität kaum zu übertreffen ist. Auch dann nicht, wenn man an einigen Stellen eine bodenlose Übertreibung vermutet, weil Bronsky selbst in Interviews kundgab, dass die meisten Szenerien exakte Zitate seien.

Im Zentrum des Geschehen steht der junge Max, der mit seinen Großeltern aus der langsam zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland kam. Über seine eigentlichen Eltern weiß Max nichts, und wenn es nach seiner Großmutter geht, dann würde das auch auf ewig so bleiben. Ewig bleiben soll auch Max, aber an der Seite seiner Oma. Um ihn möglichst eng an sich zu binden, wirft sie stetig mit Diagnosen um sich, woran Max angeblich leidet: „Chronische Bronchitis, chronische Sinusitis, chronische Gastritis, mittelgradige Myopie, vegetative Dystonie, Allergie, verminderter Wuchs, Nuscheln, verlangsamte Reflexe, verlangsamte kognitive Entwicklung, frühkindliches Trauma“. Ein Schwachkopf und daher nicht besonders helle, sei er. Daher glaubt sie auch nicht, dass Max trotz des erst kurzen Aufenthalts in Deutschland schon einiges versteht. Auch von ihrem Mann Tschingis, den sie immer nur den „Alten“ nennt, hat Großmutter Margarita keine besonders hohe Meinung. Der „Alte“ schweigt immer nur und macht sich nicht nützlich. Genau wie Max steht auch er unter dem strengen Regiment von Margarita.

Bis die Familie auf die Nachbarin Nina und ihre anstrengende Tochter Vera trifft. Die zarte Nina soll Max ab sofort im Klavierspielen unterrichten. Was die störrische Großmutter nicht sofort erkennt, ist, dass sich ihr Mann Tschingis umgehend in die Nachbarin verliebt hat und eine Affäre beginnt. Nun könnte diese Liason alles, was sich Margarita für sich, ihren Mann und Enkel Max in Deutschland erträumt hat, zum Einstürzen bringen, aber so leicht gibt sie natürlich keineswegs auf. Mit einer Mischung aus Mitleid und Erfurcht schauen die Leserinnen und Leser zu, wie Margarita um den Erhalt ihrer Welt kämpft und dabei auch mehr Kompromisse eingeht, als ihr gut tun. Mehr und mehr wird dabei aus der einstigen Tyrannin, die mit einigen deftigen antisemitischen Sprüchen zu Beginn keineswegs die Sympathie mit ihrer Person fördert, zu einer tragischen Heldin, die später im letzten Moment zumindest hinsichtlich einiger Umstände noch die Reißleine zu ziehen weiß.

Man muss kein großer Experte sein, um schnell zu erkennen, dass sich diese Tyrannin aus sehr viel Schmerz, Angst, Verlust und Enttäuschung herausgebildet hat. Nach einigen Kapiteln erfahren wir dann auch mehr über den Verbleib von Max‘ Eltern und weitere Familiengeheimnisse, die der Geschichte einen tragischen Unterton verleihen. In Kombination mit dem Bronsky-Beat und der Art und Weise, wie die Autorin pointiert ihren Humor einsetzt, wird das Tragische zum gerade so Erträglichen. Glücklicherweise, denn auf diese Weise ist „Der Zopf meiner Großmutter“ ein facettenreiches Werk, dass nicht nur bestens unterhält, sondern gerade durch seine ernsten, tragischen und liebevollen Zwischentöne brilliert.

Alina Bronsky: „Der Zopf meiner Großmutter“, 224 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462051452, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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