Sebastian Albrecht
16. Juni 2019

Der humoristische Humanist

Im Leibniz Theater stellt Peter Behnsen beim Calenberger Literatur-Frühstück heute das Buch „Mutter Nacht“ des US-amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut vor

Nicht so bekannt wie „Schlachthof 5“, aber genauso gut: „Mutter Nacht“ von Kurt Vonnegut

Sich als gebildeter, kosmopolitischer Mensch in der literarischen Welt so zu Hause zu fühlen wie in der gut sortierten Westentasche des edlen Lieblingsjacketts (Erbstück vom Großvater, guter Zustand) oder der Bauchtasche der Jeans-Latzhose (Flohmarkt, runtergehandelt auf 5 Euro), ist zwar eine schöne Sache, noch schöner ist es jedoch, zeigen zu können, mit welcher Selbstverständlichkeit durch diese intellektuellen Sphären flaniert wird. Die Bestsellerlisten der letzten Jahre durchgelesen zu haben, hilft da erfahrungsgemäß weniger, denn natürlich lässt sich ziemlich alles ironisch lesen, sei es nun die „Twilight“-Reihe, eine Liebesschnulze von Rosamunde Pilcher oder Stefan Effenbergs Autobiographie, Szenenapplaus gibt’s hierfür meist weniger. Wer nicht sofort dabei enttarnt werden will, wie ein Elefant durch den Buchladen zu trampeln, sollte also gut vorbereitet sein. Als sichere Bank gelten beispielsweise Albert Camus („Der Fremde“ oder „Der Mythos des Sisyphos“ für Fortgeschrittene), Jack Kerouac („On The Road“ – unbedingt den englischen Originaltitel nutzen) oder J.D. Salinger („The Catcher In The Rye“ – auch hier lieber den Originaltitel verwenden). Nachteil: Fehlender Überraschungseffekt.

Auch Mammutwerke wie Lew Tolstois „Krieg und Frieden“, David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ oder „Ulysses“ von James Joyce bieten sich geradezu an – wer den Anfängerfehler begeht und im Gespräch nicht mindestens dreimal darauf hinweist, das Buch auch tatsächlich ganz durchgelesen zu haben, ist selber Schuld. Und die Wahl von Sylvia Plaths „Die Glasglocke“, Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ oder gar des Essays „Ein Zimmer für sich allein“ von Virgina Woolf beweist nicht nur einen exzellenten Geschmack, sondern auch Aufgeklärtheit: Schreiben ist nicht nur Männersache. Wer es ein bisschen skandalöser mag, hält ein Plädoyer für Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“: Die Diskussion, ob Jünger nun Nazi-Sympathisant oder doch Nazi-Gegner war oder ein einsamer Wolf, der sich von niemanden vereinnahmen ließ, oder was auch immer, ist mehr als abendfüllend. Auch ein zerlesenes „Also sprach Zarathustra“ in der Hosentasche kann fruchtbare und kontroverse Diskussionen entfachen.

Während Michel Foucault, Jean Paul, Judith Butler oder Raymond Carver Namen sind, die in kulturell interessierter Runde problemlos gedroppt werden können, dadurch aber auch ein bisschen abgenutzt wirken, ist der Indie-Ruhm des Schriftstellers Kurt Vonnegut bisher eher noch auf den angloamerikanischen Raum beschränkt. Eine super Gelegenheit, mit noch weniger bekanntem Spezialwissen zu glänzen. Ein kurzer Blick ins Internet gewährt einige nette Anekdoten, wie beispielsweise die, dass Vonnegut in einem Interview seine Werke benotete. Während einige dabei nicht so gut wegkamen („Slapstick oder Nie wieder einsam“ bekam lediglich ein D), vergab Vonneguts an sein bekanntestes Werk „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ selbstbewusst ein A+. Es behandelt die Bombardierung Dresdens 1945, die Vonnegut als Kriegsgefangener des Dritten Reichs miterlebte und dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis er eine Form gefunden hatte, das Erlebnis literarisch zu verarbeiten. Nicht verwunderlich, dass sich der Schriftsteller Zeit seines Lebens als Humanist verstand und dies auch immer wieder in seinen Büchern durchschimmert. Beim Calenberger Literatur-Frühstück im Leibniz Theater stellt Peter Behnsen heute ein anderes Werk Vonneguts vor, „Mutter Nacht“. Wer noch zweifelt, ob sich ein Besuch wirklich lohnt: Nur drei seiner Bücher bekamen von Vonnegut ein A+, „Mutter Nacht“ ist eines davon und macht sich definitiv gut, um mit der eigenen Belesenheit zu glänzen. Oder einfach ein gutes Buch zu genießen.

Sonntag, 16. Juni 2019:
Kurt Vonnegut: „Mutter Nacht“, Calenberger Literaturfrühstück, Lesereihe mit Peter Behnsen, Leibniz Theater, Kommandaturstraße 7, 30169 Hannover, Einlass: 9.45 Uhr, Beginn Lesung: 11 Uhr, Eintritt: 9 Euro, mit Frühstück: 19 Euro

(Foto: Pressefoto/Buchcover)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps, Unrat

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