Susanne Viktoria Haupt
16. März 2010

Künstlerischer Weckruf der eigenen Art

Beim Kulturkiosk von langeleine.de gibt die Ateliergemeinschaft Atelier ohne Titel einen tiefen Einblick in ihre vornehmlich analogen fotografischen Fähigkeiten. Ein Gespräch

Bendine Hentschel, Sandra Marianne Gast und Elizabeth Cardozo gehören zur aussterbenden Gattung von Diplom-Künstlern in Hannover. Dessen sind sie sich absolut bewusst. Dass die engagierten Ladys schon alleine mit ihrem Atelier ohne Titel, aus dessen Schaffensfundus sie am kommenden Freitag dem Publikum des Kulturkioskes einige eindrucksvolle Werke präsentieren werden, vieles in Gang setzten – und noch setzen werden – allerdings auch.

Gast, Cardozo und Hentschel

Die Atelier ohne Titel-Macherinnen: Elisabeth Cardozo, Bendine Hentschel und Sandra Marianne Gast

Vernetzung, Förderung, Austausch und Fluxus

Neben ihrer eigenen Arbeit als Künstlerinnen liegt Cardozo, Hentschel und Gast auch das Wohl anderer Kunst- und Kulturschaffender dieser Stadt am Herzen, so dass sie kurzerhand den Verein Kunst und Warum e.V. ins Leben riefen, um Künstlern aller Richtungen eine Netzwerk-Plattform zur Präsentation und Aktion zu bieten. „Es gibt jede Menge guter Künstler“, sagt Gast, „jedoch arbeitet jeder still vor sich hin.“ Der Verein Kunst und Warum soll das nun ändern. Nicht nur sollen regelmäßige regelmäßige Treffen stattfinden, um eigene Arbeiten zu besprechen, sondern auch eine neuer Ort, um zusammen etwas zu erschaffen, egal ob für abgezirkelte Galerieräume oder den öffentlichen Raum. Verschiedene Kunstrichtungen sollen sich zusammenschließen, Literatur, Theater, Fotografie – gemeinsam soll den Menschen „draußen“ gezeigt werden, wie Synergien entstehen und funktionieren können und – vor allem -, was unter der scheinbar grauen Schicht Hannovers alles brodelt und zum „Explodieren“ gebracht werden kann.

Bild Hentschel: 6 Wochen

Bendine Hentschel: „6 Wochen“

Es ist egal, ob sich Studierte oder Autodidakten, Junge oder Ältere beteiligen. Allein die Leidenschaft zur Kunst und zum Austausch steht im Mittelpunkt des gemeinsamen Arbeitsansatzes. Für Mitglieder des Vereines stehen dann die Kreativ-Köpfe und Schaffens-Herzen der anderen Mitglieder offen und beratend zur Seite – und natürlich auch die Räumlichkeiten des Ateliers.

Vielfalt als Handlungsmaxime

Und so abwechslungsreich wie die Künstlerinnen ihre Arbeit mit dem Atelier gestalten, darf man auf die Vielfalt der Werke von Hentschel, Gast und Cardozo am kommenden Freitag beim Kulturkiosk gespannt sein. Während Bendine Hentschel inzwischen eher konzeptionell arbeitet, wird sie im Café Siesta ältere, freie Arbeiten vorstellen, die in Neuseeland entstanden. Sandra Marianne Gast hingegen vertraut zwar schon einer Art Grundideen-Gerüst, arbeitet jedoch eher situativ und stellt eine Auswahl ihrer aktuellsten Werke vor. Elizabeth Cardozo wiederum kombiniert beide Formen des Entstehungsprozesses und arbeitet, genauso wie ihre Kolleginnen Gast und Hentschel, an langen und zunehmend wachsenden Foto-Reihen, von denen sie einen ersten Teil exklusiv präsentieren wird.

Bild Sandra Marianne Gast: WIBBIDBINBIH-Tisch

Sandra Marianne Gast: „WIBBIDBINBIH, Tisch“

Analog statt digital und Photoshop

So interessant die Werke der drei Künstlerinnen sind, so spannend ist auch ihre Arbeitsweise. Denn im Gegensatz zu den meisten „Freizeitknipsern“ und Fotokünstlern bedienen sich Cardozo, Gast und Hentschel am liebsten der analogen Technik. Für jene, die mit diesem Begriff nichts mehr anfangen können, weil sie vollständig dem digitalen Zeitalter verfallen sind: Das sind Kameras, in die man noch richtig Filme einlegt, und Fotos, die man erst sieht, wenn ein Entwicklungsstudio, sprich Drogeriemarkt, alles entwickelt hat!

Bild Elisabeth Cardozo: Cityscapes 2009

Elisabeth Cardozo: „Cityscapes 2009“

Das Atelier ohne Titel entwickelt seine Filme natürlich selbst, und wer einmal in den Genuss kam, mit den drei Frauen über das Prozedere des Film-Entwickelns zu sprechen, der wird ganz schnell verstehen, warum die digitale Fotografie keine langfristige, künstlerische Alternative für sie darstellen konnte. Denn bei der Entwicklung eines Filmes entsteht ein unmittelbarer Körperkontakt. Diese Arbeitsweise ist weit mehr, als Papier durch ein Chemiebad zu ziehen. Sie ist ein Pusten bis zum besten Licht, ein Streicheln, ein Fühlen, ein Mitschwingen. Und das klingt fürwahr sehr viel leidenschaftlicher als Photoshop, Pixelverschiebung und/oder Druckerpatrone.

Nicht verpassen:

Sandra Marianne Gast, Bendine Hentschel und Elisabeth Cardozo eröffnen am kommendem Freitag, dem 19. März, im Rahmen des Kulturkioskes von langeleine.de ihre neue Foto-Ausstellung im Café Siesta und präsentieren eine beeindruckende Werkschau ihrer bisherigen Arbeiten.

weiterlesen:
“Die Nische für Fotokünstler in Hannover ist sehr klein”
(Portrait von Raoul Festante zur Eröffnung des Ateliers ohne Titel)

(Fotos: Atelier ohne Titel)

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Kategorien: Kunst, Menschen

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