- langeleine.de – Das Online-Journal für Hannover - http://www.langeleine.de -

Wenn die große Liebe zur großen Gefahr wird

Seitenansicht: „Drei Schritte zu dir“ von Rachel Lippincott, Mikki Daughtry und Tobias Iaconis

Eine Geschichte, die tief unter die Haut geht: „Drei Schritte zu dir“, Buchcover

Kein Mensch ist frei von Fehlern und ich bin es natürlich auch nicht. Als mein Sohn langsam das Kinderbuch-Alter verlassen hatte, schaute ich zunehmend nach Teenie-Romanen. Dabei fiel mir auf, dass es sich in diesem Bereich zunehmend um dramatische, tragische und vom Schicksal gebeutelte Geschichten handelte. Die bekanntesten Beispiele sind wahrscheinlich die Romane von John Green, über die mein Sohn sagte: „Ich bin froh, wenn nach drei Kapiteln alle Figuren noch am Leben sind“. Meine erste Reaktion auf die neue Thematik war, dass ich diese Zustandsbeschreibung sehr deprimierend fand. Meine beste Freundin allerdings, die Buchhändlerin ist, belehrte mich umgehend. Es sei nicht deprimierend, das sei eben „Diversity“, und damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn „Diversity“ bedeutet nicht nur, dass in Romanen und Filmen auch People of Colour auftauchen, sondern auch, dass jene eine Stimme und einen Platz bekommen, die wir sonst gerne übersehen. Und zwar einzig und alleine aus dem Grund, dass sie in der Minderheit sind. Die meisten Kinder haben eben keinen Krebs, wurden nicht misshandelt, haben nicht mit anderen schweren Krankheiten zu kämpfen und haben keinen Suizidversuch hinter sich. Aber nur, weil sie die Mehrheit darstellen, werden sie dadurch nicht wichtiger als all jene, die mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben. Der Kern und Wert der großen Literatur ist doch eben auch, dass wir uns nicht nur durch Geschichten ablenken lassen können, sondern gleichermaßen auch verstanden fühlen. Uns selbst wiedererkennen können. Dafür bedarf es Diversity.

„Drei Schritte von dir“ ist genau so ein Roman. Schon alleine die Entstehungsgeschichte dieses Werkes ist anders, als man es sonst kennt. Rachel Lippincott hat sich nicht an einem lauen Sommerabend an ihren Schreibtisch gesetzt und sich gedacht, dass es eine gute und wichtige Sache wäre, einen Roman über Teenager zu schreiben, die an Mukoviszidose erkrankt sind. Viel mehr hatten Mikki Daughtry und Tobias Taconis die Idee für das Drehbuch eines Filmes und wollten vorab einen Roman konzipieren, auf dem sich eine Verfilmung aufbauen lassen kann.

Im Zentrum des Romans stehen die beiden Jugendlichen Stella und Will. Beide wurden mit Mukoviszidose geboren. Dabei handelt es sich um eine angeborene Stoffwechselkrankheit, die sich am stärksten durch eine erschwerte Atmung und Husten bemerkbar macht. Erkrankte leiden vor allem unter zähflüssigen Sekreten, die das Abhusten und die Lungenfunktion beeinträchtigen. Sie sind ebenfalls sehr anfällig für Erkrankungen der Atemwege. Die Krankheit ist nicht heilbar, allerdings sind die Symptome einigermaßen zu behandeln. Erkrankte haben mittlerweile eine deutlich längere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren. Sie liegt zwar immer noch nur bei rund 50 Jahren, aber die Medizin macht stetig weitere Fortschritte, so dass diese Prognosen noch weiter verbessert werden können.

Stella möchte unbedingt älter werden, aber dafür wird sie wohl eine neue Lunge brauchen und Transplantate sind Mangelware. Eigentlich würde sie sich jetzt in ihrem Abschlussjahr der High School befinden, eine Halsentzündung zwingt sie jedoch wieder zurück ins Krankenhaus. Eine große Hilfe ist ihr dabei ihr Optimismus und die Fähigkeit, nicht nur fremde Regeln strikt zu befolgen, sondern auch die eigenen inneren Listen stoisch abzuarbeiten. Kurz nach ihrer Ankunft im Krankenhaus wird auch ihr bester Freund Poe eingeliefert. Beide sind schon seit Jahren Patienten derselben Klinik und haben ihre ganz eigenen Rituale. Zum Beispiel nehmen sie via Skype gemeinsam ihr Frühstück ein. Für Patienten von Mukoviszidose ist es lebenswichtig, von anderen Erkrankten fernzubleiben. Zu hoch ist die Gefahr, dass man sich mit weiteren Viren oder Bakterien anstecken könnte. Das waren bisher aber noch die kleinsten Sorgen von Stella. Viel mehr sorgt sie sich um ihre Eltern, die sich kürzlich getrennt haben und sich doch einander so sehr brauchen. Vor allem dann, wenn es Stella irgendwann nicht mehr geben sollte.

Ein ganz neues Problem kommt aber hinzu, als Stella Will auf der Station entdeckt. Wie ein junger James Dean kommt der 17-Jährige daher und fasziniert sie sofort. Ebenfalls an Mukoviszidose erkrankt, hat er sich eigentlich mit denselben Ängsten und Sorgen herumzuschlagen. Nur hat sich Will dazu auch noch ein gegenüber Antibiotika resistentes Bakterium eingefangen, dass sein baldiges Lebensende besiegelt. Nur auf Grund der rechtlichen Lage als Minderjähriger lässt er eine weitere experimentelle Therapie über sich ergehen, doch eigentlich möchte er nichts anderes als den kurzen Rest seines Lebens in Freiheit zu verbringen. Am allerliebsten auf Reisen. Deswegen möchte er einfach nur noch die Zeit bis zu seinem 18. Geburtstag absitzen. Genauso wenig wie Stella mit Will gerechnet hat, hat Will mit Stella gerechnet. Auch er ist von ihr fasziniert und sucht umgehend die Nähe zu ihr. Fatal für jemanden, für den Nähe lebensbedrohlich sein kann, aber genauso lebensnotwendig ist…

„Drei Schritte zu dir“ spielt mit Gefühlen, die jeder junge Mensch hat. Die erste große Liebe ist mächtig und erscheint so viel wichtiger als alles andere. In den wenigsten Fällen stellt die große Liebe jedoch eine Lebensgefahr dar wie bei Will und Stella. Auf jeder Seite ihres Buches lässt die Rachel Lippincott daher die Sehnsucht und die Angst ihrer Figuren in die Herzen der Leserschaft kriechen. Gleichermaßen ist die Lebensrealität der beiden Erkrankten sehr präsent, denn hier wird nicht auf Behandlungsdetails und Fakten über die Krankheit verzichtet.

„Drei Schritte zu dir“ ist daher ein Roman, durch den sich jugendliche Erkrankte nicht nur verstanden fühlen, sondern auch Außenstehende für ihre Situation sensibilisiert werden. Beim Roman alleine blieb es natürlich nicht. Seit dem 20. Juni ist die Verfilmung des Dramas auf der großen Kino-Leinwand zu sehen. Regie führte Justin Baldoni, der normalerweise als Hotel-Erbe Rafael Solano in „Jane the Virgin“ bekannt ist. Für Will hat sich die Produktion den Schauspieler Cole Sprouse geholt, der normalerweise seine Fans als Jughead Jones in der Serie „Riverdale“ begeistert. Stellas Rolle wird von Haley Lu Richardson gespielt, die ihren Durchbruch in John Chos Film „Columbus“ hatte. Also schnell das Buch lesen und dann ab ins Kino.

Rachel Lippincott, Mikki Daughtry und Tobias Iaconis: „Drei Schritte zu dir“, 304 Seiten, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3423762526, 16,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

[1]
Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed [2]!