Jörg Smotlacha & Henning Chadde
15. März 2010

„Das Schreiben und ich pflegen eine sehr offene Beziehung“

Die Künstlerin, Club-Betreiberin und Pressearbeiterin Claudia Pahl gastiert am kommenden Freitag beim Kulturkiosk von langeleine.de. Ein Interview

Claudia Pahl alias Cannelle steht seit Jahren für absolute kulturelle Vielseitigkeit. Lange Zeit hat sie redaktionell engagiert im Mittelpunkt von Radio Flora gestanden, begann ihren Bühnenweg beim Kabarett Störfall und fand schließlich zur Live-Literatur – gerne mit musikalischer Begleitung. Schließlich stieg sie gar ins Indie-Club-Geschäft ein, um ihre ganz eigene Vorstellung von Lebens- und Live-Kultur zu pflegen. Eines steht bei all diesen Betätigungsfeldern immer im Vordergrund: ein unkonventioneller Charme, der weit neben dem Mainstream absolut zu begeistern weiß. Zeit für ein Gespräch.

Cannelle

Immer auf der Suche nach interessanten Beobachtungen: Cannelle

langeleine.de: Cannelle, in der hannoverschen Literatur-Szene bist Du spätestens seit Deiner Mitgliedschaft im Ensemble der Lesebühne OraL keine Unbekannte mehr. Dort hast Du Dich nun zurückgezogen und bist einen Schritt hinter das Scheinwerferlicht getreten. An welchen Projekten arbeitest Du stattdessen?

Cannelle: Ich würde jetzt gerne sagen: an meinem ersten großen Roman natürlich! Fakt ist aber, dass ich gerade schrecklich schreibfaul bin und mir meine derzeitige Arbeit im Pressebüro des Schauspielhauses nicht wirklich Zeit für literarische Projekte lässt. Daneben stecke ich alle Energie in die Programmgestaltung von Feinkost Lampe, einen kleinen Laden in Linden Mitte, wo ich mit Arne Paulsson zusammen beinah wöchentlich Konzerte veranstalte. Außerdem buche ich einmal im Monat im Rahmen der Reihe „Ballklang“ Konzerte am Jungen Schauspiel und derzeit hecken Arne und ich das eine oder andere musikalische Sommer-Event aus. Da das Schreiben und ich eine sehr offene Beziehung pflegen, bin ich mir aber sicher, dass es bald wieder in meinem Leben Platz nimmt.

ll: Bei Deinen Lesebühnen-Auftritten standest Du in der Regel für die ernsten und differenzierten literarischen Inhalte unter vielen Lachern und Comedy-Texten. Wie gewichtest Du das Verhältnis von ernsten und lustigen Bühnentexten und -inhalten in diesen schwierigen Zeiten?

Cannelle: Ich mag auch sehr gerne, wenn Texte Menschen zum Lachen bringen. Gerade in problematischen Zeiten. Lachen kann eine revolutionäre Handlung sein, erinnert Menschen daran, dass sie Subjekte der Verhältnisse sind und ihnen nicht ausgeliefert. Ich unterscheide nur gerne die Richtung, in die sich Texte wenden. Sagen wir mal vereinfacht: Wenn ich mir Lacher abhole, indem ich „nach unten trete“, dann hab‘ ich das Niveau von Comedyfritzen auf Privatsendern. Daran liegt mir überhaupt nichts. Ich finde auch völlig in Ordnung, wenn Texte einfach amüsant und unterhaltsam sind, ohne aufklärerische Tendenzen. Gut zu unterhalten ist für mich eine hohe Kunst und inzwischen eine Nische, die man gut pflegen sollte. Ehrlich gesagt will ich immer gar nicht so ernst werden mit meinen Texten, aber sie geraten mir oft eben eher leise oder ernsthaft. Irgendwie macht mich Schreiben melancholisch, das sollte ich vielleicht mal behandeln lassen!

Cannelle

„In Hannover gibt es verdammt viel ungenutztes kreatives Potential“: Cannelle streitet gerne aktiv für kulturelle Nischen

ll: Wieviel „Persönliches“ steckt in Deinen Texten und was inspiriert Dich?

Cannelle: Für mich ist Schreiben auf gar keinen Fall eine Therapie. Das möchte ich keinem Publikum antun. Bevor ich bei OraL mitmachte, habe ich eigentlich nie persönliche Erlebnisse und Begegnungen für meine Geschichten genutzt. Doch ich hatte Lust, das im Rahmen dieses Lesebühnenstils auszuprobieren und so ist inzwischen auch eine Reihe von Texten entstanden, die wirklich einen authentischen Hintergrund haben. Aber eigentlich sind es eher Stimmungen, manchmal Beobachtungen von Menschen und alltäglichen Szenen, die sich plötzlich zu einer Geschichte spinnen. Sehr oft kommt auch einfach eine Figur zu mir und setzt sich so lange in meinem Kopf fest, bis ich ihr endlich eine Geschichte widme. Schreiben befreit!

ll: In Deinem bürgerlichen Leben hörst Du auf den schönen Namen Claudia Pahl. Wie kam es zu Deinem literarischen Alter-Ego Cannelle?

Cannelle: Cannelle bedeutet Zimt. Neben der Tatsache, dass ich ernsthaft zimtsüchtig bin und finde, dass der Charakter dieses Gewürzes gut zu den Stimmungen meiner Texte passt, war Cannelle der Name der letzten wildlebenden Pyrenäen-Bärin, die von dämlichen Hobbyjägern erlegt wurde. Ich wollte an sie erinnern. Für unterschiedliche Projekte wähle ich meist gerne verschiedene Synonyme, erfinde eben jemanden oder etwas neu.

Cannelle

Auf dem Weg zum Kulturkiosk: Cannelle

ll: Du machst Pressearbeit für das Schauspiel, betreibst den Wohlfühl-Club Feinkost Lampe und bist selbst als Autorin aktiv. Vor dem Hintergrund, dass Hannover oftmals der Ruf einer äußerst unattraktiven Metropole anhängt – wie schätzt Du die kreativen und kulturellen Potentiale der Landeshauptstadt ein?

Cannelle: Weil Hannover eine Landeshauptstadt ist, gibt es im Vergleich zu anderen Städten dieser Größe viel an Kultur hier. Dennoch glaube ich, dass es verdammt viel ungenutztes kreatives Potential gibt. Teils, weil einfach Räume und Förderungen fehlen und viele, die etwas Kreatives studiert haben, weiterziehen in Metropolen, wo sie sich mehr an Möglichkeiten erhoffen. Teils sind soziokulturelle Strukturen aber auch nicht sehr offen, sodass viele Projekte seit Jahrzehnten für mich etwas zu sehr „im eigenen Saft schwimmen“. Was mir auch wirklich auf die Nerven geht, ist der politische Filz an den ökonomischen Schaltstellen dieser Stadt. Wer hier was an Förderungen absahnt, das steht in vielen Bereichen seit Jahrzehnten fest und andere Ideen und Konzepte werden dann untereinander vom Futternapf weggebissen. Auf der anderen Seite – und dass ist für mich eine ganz große Stärke dieser Stadt – gibt es in Hannover jede Menge Nischen, um sich selber unabhängig etwas aufzubauen. Und Netzwerke, auf die man sich verlassen kann. Und noch wichtiger: Menschen, die neugierig und offen sind, an neuen Projekten Anteil zu nehmen. Bands, die bei Feinkost Lampe auftreten, sind jedes Mal überwältigt vom Zuspruch, den sie vom hannoverschen Publikum bekommen. Man kann also an den Strukturen und dem Ruf unseres Städtchens arbeiten anstatt rumzujammern, was einem hier alles fehlt.

ll: Was können die geneigten Zuschauerinnen und Zuschauer von Dir beim Kulturkiosk erwarten?

Cannelle: Ein Alpen-Panodrama und eine Liebesgeschichte, die ein bisschen jenseitig daherkommt. Alles natürlich schrecklich ernst und unlustig.

Nicht verpassen:

Cannelle ist am kommendem Freitag, dem 19. März, beim Kulturkiosk von langeleine.de zu Gast und präsentiert charmant-doppelbödiges Storytelling.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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