Susanne Viktoria Haupt
5. August 2019

Eine lauwarme Reise in die Normandie

Seitenansicht: „Warum die Vögel sterben“ von Victor Pouchet

Schönes Cover, aber ansonsten mit viel zu wenig Kontur: „Warum die Vögel sterben“ von Victor Pouchet, Buchcover

Man sagt immer „Never judge a book by its cover“. Aber genau das tat ich bei Victor Puchets Roman „Warum die Vögel sterben“. Und mal ehrlich, ich möchte mich gerne beim Berlin Verlag für diesen wunderschönen Einband bedanken. Ich persönlich habe einen Faible für naturbezogene Designs – und der deutsche Buchmarkt ist schließlich nicht dafür bekannt, dass er sich besonders viel Mühe hinsichtlich der Cover-Gestaltung gibt. Von daher schon einmal echt gute acht von zehn Punkten für das Titel-Design. Aber kommen wir auf den Inhalt zu sprechen. Denn auch, wenn das Auge mitisst, macht der Anblick alleine nicht satt. Er animiert nur, oder aber kann im besten Falle etwas trösten, wenn das Essen nur lauwarm ist.

In Victor Pouchets Debüt-Roman „Warum die Vögel sterben“ regnet es tote Vögel. Zunächst nur in der Normandie, zumindest glaubt das der Protagonist, der ebenfalls mit Nachnamen Pouchet heißt. Er lebt in Paris und schiebt seit einer gefühlten Ewigkeit seine Doktorarbeit vor sich her. Neben seiner Motivation ist auch seine Freundin abgehauen und so sitzt er alleine in der Stadt des Lichts. Wo er so wirklich mit seinem Leben hinmöchte, weiß er nicht. Auch bei seinen Eltern kann er sich keinen Rat holen. Das Verhältnis zu seinem Vater ist kein gutes. Seit Jahren haben die beiden sich nicht mehr gesehen und zuletzt nur noch wütende Briefe ausgetauscht. Als er jedoch die Meldung hört, dass nahe seines Geburtsorts Bonsecours hunderte Vögel einfach so und auf einen Schlag tot vom Himmel gefallen sind, befreit ihn dieses Mysterium schließlich aus seiner Lethargie. Auf einem Kreuzfahrt-Dampfer, auf dem er deutlich den Altersdurchschnitt senkt, macht er sich auf den Weg in Richtung Rouen. Um den toten Vögeln auf den Grund zu gehen, hat er sich extra ein Heft besorgt, in das er all seine Erkenntnisse reinschreiben möchte. „Tote-Vögel-Heft“ nennt er es.

Pouchets Debüt ist das klassische Debüt eines Literaturwissenschaftlers, denn genau das ist Pouchet von Beruf. Normalerweise unterrichtet er moderne Literatur und begeistert so junge Menschen für sein Fach. In „Warum die Vögel sterben“ erkennt man viele Motive der Literaturgeschichte. Wir haben den jungen Mann, der völlig ohne Orientierung durchs Leben geht und einen Konflikt mit seinem Vater hat. Dann macht er sich auf eine Reise zurück zu seinem Geburtsort. Auf diesem Wege trifft er natürlich nicht nur auf irgendeine Weise auf seine eigenen Wurzeln, sondern auch auf eine schöne Frau, mit der er Sex haben wird. Und dazwischen werden ein paar existenzielle Krisen gestreut. All das hat auch Pouchets Debüt, allerdings in einer lauwarmen Zubereitung. Seinem Protagonisten fehlt es dann doch an Substanz. Er wirkt wie ein äußerst lethargischer und nahezu durchsichtiger Teenager, der vor seinem eigenen Ich Angst zu haben scheint. Die Sex-Szene ist weder gut vorbereitet, noch gut aufbereitet und lässt keine Gänsehaut zu. Und so geht es auch weiter mit dem Vater-Konflikt, der weder eine gute Erklärung findet, noch in irgendeiner Weise anständig ausgetragen wird. Nur hier und da reißt Pouchet diesen Strang seiner Geschichte leicht an. Selbst die Umgebung, die doch einiges hergeben könnte, bleibt nahezu unerwähnt. Und auch die toten Vögel, die schließlich Dreh- und Angelpunkt des Ganzen sind, liefern keine Spannung oder Erkenntnis. Man könnte meinen, dass ein paar schöne Landschaftsbetrachtungen das Ruder wieder herumreißen könnten, aber auch die bleibt Pouchet uns schuldig. Dafür verliert er sich seitenweise und nicht einmal uninteressant in einer Aufarbeitung des Werks von Felix Archimède Pouchet – einem französischen Naturwissenschaftler, der sich durch seine Theorien weniger Fans als Feinde gemacht hatte. Das ist kurz ganz spannend, aber die paar Seiten sind nicht so gut, dass sie den Rest des Romans vollständig ausgleichen können.

Das ist schade, denn Victor Pouchets Idee war gut und mit nur etwas mehr Mut und Können hätte sich der Plot zu einer soliden Nummer entwickeln können. Pouchet versucht aber offensichtlich trotz bekannter Motive etwas Neues zu erschaffen und verliert sich dann im großen Nichts. Es herrscht viel Leere zwischen den Seiten und so lässt das Buch die Leserschaft unbefriedigt zurück. Was man dem Franzosen allerdings anzurechnen hat, ist der Umstand, dass man seine Bemühungen nahezu auf jeder Seite deutlich spürt. Es ist tatsächlich weniger der Spaß am Schreiben und Geschichtenerzählen, den man spürt, sondern echte Bemühung und Anstrengung. Das macht „Warum die Vögel sterben“ keineswegs zu einem besseren oder galanten Lesespaß. Viel mehr kommt ein Gefühl von Mitleid auf – und die Frage, warum Pouchet diesen Roman eigentlich selbst geschrieben hat. „Warum die Vögel sterben“ ist kein schlechter Roman. Ich habe schon deutlich Schlechteres gelesen. Es ist ein Debüt von einem gänzlich ungeübten Autor, der vielleicht nicht weiß, dass auch die Schriftstellerei ein Handwerk ist, das man lernen kann. In Kombination mit dem doch sehr gelungenen Cover bleibt es eine lauwarme Suppe, die man essen kann, aber nicht muss. Ob von Pouchet im Anschluss noch etwas kommen mag, wird sich zeigen. Dafür müsste er jedenfalls eine Menge Biss haben und bereit sein, zu lernen.

Victor Pouchet: „Warum die Vögel sterben“, 192 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827013774, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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