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Über Leben, über Swing

von Henning Chadde, Dienstag, 16. März 2010

Musik als (Überlebens-)Philosophie: Coco Schumann mit Band zu Gast im Ballhof Eins

Coco Schumann

Die Legende und ihre Gitarre: Coco Schumann und sein Instrument

Sie waren ausgebildete, oftmals studierte und renommierte Musiker und Bühnenkünstler jüdischer Herkunft. Sie spielten in Ensembles und Orchestern, waren Teil von Inszenierungen und Bühnenprogrammen. Sie spielten zur Unterhaltung. Sie spielten vor einem Publikum, dass sie sich nicht aussuchen konnten, denn sie spielten vor ihren Peinigern. Sie waren einkaserniert, gegen ihren Willen gefangen und hatten den Tod vor Augen. Sie spielten um ihr Überleben, für die Hoffnung, dem Grauen und der Vernichtung zu entkommen oder wenigstens einen Aufschub zu erreichen. Oftmals spielten sie vor ihren Glaubensbrüdern und -schwestern, die zur Vernichtung abgeführt wurden. Sie spielten bei der Ankunft neuer Häftlinge in den Lagern, zur scheinbaren Beruhigung, wohl aber aus Sicht ihrer Peiniger vor allem zur Häme und Erniedrigung. Einige spielten auf der Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz, zumeist nur für eine trügerische Übergangszeit, bis sie schließlich selber vernichtet wurden.

Swing zum Vorzeigen

Die sogenannten Lager- beziehungsweise Häftlingsorchester in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern gab es in nahezu allen Vernichtungsstätten im Herrschaftsraum der Nazis. Der Swing- und Jazzmusiker Coco Schumann, Jahrgang 1924, war einer dieser Musiker, allerdings einer jener, die vergleichsweise Glück gehabt haben. Denn nach seiner Verhaftung 1943 wurde Schumann nach Theresienstadt verlegt - dieses Konzentrationslager war als Vorzeigeghetto konzipiert, um der Weltöffentlichkeit zu zeigen, wie “gut” die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung behandelten. Und so war es Schumann ausdrücklich erlaubt - besser: es war von ihm erwünscht -, zu Propaganda- und Repräsentationszwecken weiterhin Jazz und Swing zu spielen, mit verschiedenen Musikern jener Musik zu frönen, die als undeutsch und entartet eigentlich im deutschen Einzugsgebiet vollständig verboten war.

Coco Schumann

Coco Schumann: Ein Leben für die Musik

Schumann wurde Mitglied der legendären “Ghetto-Swingers”. Und er überlebte, von amerikanischen Soldaten auf einem Todesmarsch befreit, nachdem er bereits in die Todeslager Auschwitz und Dachau überführt wurde. Schließlich machte Schumann mit einigen Unterbrechungen sogar eine musikalische Karriere im Nachkriegsdeutschland. Heute gilt er als lebende Jazzlegende und steht immer noch auf der Bühne - mit dem von ihm vor nunmehr zwanzig Jahren gegründeten Coco Schumann Quartett.

Über sich selbst sagt der Grand Seigneur des Jazz überzeugt, dass er in erster Linie Musiker sei: “Ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der Musik macht. Ich habe viel zu sagen. Die Richtung ist klar: Back to the roots, in jene Welt, in der meine Seele zu Hause ist, in den Swing. Wer den Swing in sich hat, ob er im Saal steht oder auf der Bühne, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.” Heute gastiert Coco Schumann im Ballhof Eins und wird unter der Moderation und Nachfrage von Dorothea Hartmann aus seinem bewegten Leben erzählen. Und er wird swingen. Gemeinsam mit seinem Quartett. Denn Swing ist seine Lebensaufgabe.

Dienstag, 16. März 2010:
“Wir spielten für und um unser Leben - Musik in Theresienstadt”, live mit Coco Schumann, Ballhof Eins, Ballhofplatz 5, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr

(Fotos: Pressefotos)


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Rubrik: Tagestipps, Menschen, Musik

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