Jörg Smotlacha
15. Juli 2019

Wo die Welt zu Ende ist

Seitenansicht: „Die Mauer“ von John Lanchester

John Lanchester: "Die Mauer", Buchcover

Eine Dystopie auf der Höhe der Zeit: John Lanchesters „Die Mauer“, Buchcover

„Es ist kalt auf der Mauer. Das ist das Erste, was einem jeder erzählt, und auch das Erste, was einem auffällt, wenn man dorthin versetzt wird. Das ist es, woran man die ganze Zeit denken muss, wenn man sich auf ihr befindet, und daran erinnert man sich, wenn man nicht mehr dort ist. Es ist kalt auf der Mauer.“

Mit diesen Worten beginnt John Lanchester aktueller Roman „Die Mauer“. In ihm lernen wir den jungen Protagonisten Joseph Kavanagh kennen, der wie alle Briten seit dem „großen Wandel“ auf der titelgebenden großen Mauer Dienst schieben muss, um die Briten unter Einsatz seines Lebens vor Eindringlingen von außen zu schützen.

Die Regeln dieses eindeutig als Militärdienst zu bezeichnenden Einsatzes auf der Mauer sind eindeutig: Schaffen es Eindringlinge über die Mauer, werden diejenigen, die selbige eben noch verteidigt haben, dem Meer außerhalb übergeben – und damit dem ziemlich sicheren Tod. Denn seit einer unbenannten Klima-Katastrophe befindet sich außerhalb der Mauern und des zu verteidigenden Landes nur noch eine unbestimmte wilde See mit ein paar Inseln.

Das Leben auf der Mauer ist extrem hart und reglementiert und die 10.000 Kilometer lange Mauer tagtäglich von 200.000 Männern und Frauen bewacht, die freilich in ihren dicken Unisex-Klamotten kaum noch zu unterscheiden sind. Und so benötigt Joseph sehr lang, um festzustellen, dass Hifa, die mit ihm Dienst schiebt, weiblich ist. Doch Erotik gibt es nicht mehr unter diesen Umständen, nur „Fortpflanzler“, die begünstigt werden, da kaum noch jemand Nachwuchs in diese traurige Welt setzen mag.

Dass Joseph sich trotz dieser Umstände zu Hifa hingezogen fühlt, gehört zu den spannenden Aspekten der mehr als brisanten und hochaktuellen Dystopie des britischen Autors John Lanchester, und die Idylle, die die beiden mit ihren Kolleginnen und Kollegen für ein paar Tage auf Landurlaub genießen zu den schönsten Momenten des Romans.

Doch natürlich zieht sich das engmaschige Netz, das dieser Roman zieht, immer weiter zu. Es gibt Übungen, die den Kampf zwischen „Eindringlingen“ und „Bewachern“ der Mauer simulieren und die Mannschaft trainieren sollen und natürlich auch irgendwann den Ernstfall. Und da hier nicht gespoilert werden soll, sei nur verraten, dass die Geschichte damit noch lange nicht gelöst ist…

John Lanchester Roman, von seinem Verlag Klett-Cotta als „Roman der Stunde“ angekündigt, ist wirklich eindrücklich und keinesfalls ein Buch über den Brexit (den man natürlich reinlesen kann). Vielmehr entwirft der Autor, der zuvor schon mit „Kapital“ eine kritische Analyse der Welt nach der Finanzkrise geliefert hat, eine düstere Phantasie über unsere Gegenwart, die unglaublich nah an der Realität erscheint. Und wie er dabei mit einzelnen Facetten spielt, ist großartig. Zum Beispiel mit dem Generationskonflikt, der sich hier nun als krasse Feindschaft zu den eigenen Eltern darstellt, die die Lebenswelt ihrer Nachkommen mal so ganz gründlich zerstört haben.

Doch keine Sorge: So politisch brisant dieses Buch ist, ist „Die Mauer“ ganz bestimmt keine politische Streitschrift, aber eine Dystopie auf der Höhe der Zeit, ein sehr lesenswerter Kommentar zu unserer gegenwärtigen Welt und im letzten Drittel auch ein wirklich gelungener Abenteuer-Roman. Und so gesehen dann gerne ein „Buch der Stunde“.

John Lanchester: „Die Mauer“, 348 Seiten, Klett-Cotta, ISBN-13: 978-3608963915, 24 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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