Der Dramaturg, der Gutes will und Gutes schafft
von Sebastian Albrecht Mittwoch, 17. März 2010Ironisches und witziges Theaterkabarett im Theater in der List: Lutz Hübners “Gretchen 89ff” ist weit mehr als nur eine Goethe-Interpretation

Sein Lieblingsfilm ist “Und täglich grüßt das Murmeltier”: der Autor und Regisseur Lutz Hübner
Ob im LK Deutsch oder doch nur im Grundkurs: Wer hat in der Oberstufe nicht den goetheschen “Faust” gelesen, DAS Werk des Franz Beckenbauers unter den teutonischen Schriftstellern? Für alle, die nachts immer noch vor lauter Schreck aus dem Bett fallen, wenn sie an Mephisto und den wissensnimmersatten Faust denken, ist die von Lutz Hübner geschriebene und von Ullrich Matthaeus inszenierte Theateraufführung “Gretchen 89ff”, die zurzeit als Gastspiel im Theater in der List gezeigt wird, jedenfalls nichts. Alle anderen werden, auch ohne den “Faust” sowohl auf dem Nachtschrank als auch neben dem Klo liegen zu haben, auf ihre Kosten kommen. Man muss Goethes himmlische Höllenkomödie nicht mögen, um Spaß zu haben, denn “Gretchen 89ff” ist keine weitere Adaption des circa zweihundert Jahre alten Stückes, sondern ironisches und witziges Theaterkabarett. Nur ein Bruchteil des “Faust” kommt überhaupt vor, genauer gesagt: Seite 89 fortfolgende - der Moment, in der Fausts Angebetete Gretchen ein kleines Schmuckkästchen entdeckt.
Der in Hannover bestens bekannte Lutz Hübner (”Nellie Goodbye”, “Hotel Paraiso”, “Die letzte Show”), einer der meistgespielten deutschsprachigen Theaterautoren der Gegenwart, wirft mit seinem vom Bremer Tourneetheater liebenswürdig aufgeführten Bühnenwerk einen Blick hinter die Kulissen. Dabei nimmt er das ganze Prozedere und die neurotischen Akteure des Schauspielbetriebes aufs Korn, ohne diesen bösartig zu Boden zu knüppeln und dann noch mal nachzutreten. Immerhin ist er ja ein Teil des Ganzen und sein Stück zeigt, dass die vielen exzentrischen und schrulligen Gestalten des Theaters einen sonnigen Platz in Hübners Herz haben. Gleich zehnmal wird die “Kästchenszene” von verschiedenen Darstellerinnen- und Regisseurstypen, gespielt von Petra Sauermann und Ullrich Matthaeus, geprobt. Jede und jeder von ihnen weiß natürlich am besten, wie man die Gretchenszene interpretiert, und so spitzen sich die kleinen Parodien bis zum Humor-Olymp zu. Wer wissen will, welche Hürden schon im Vorfeld eines Stückes genommen werden müssen, ist bei Hübners “Gretchen 89ff” in den besten Händen.
Mittwoch, 17. März 2010:
“Gretchen 89ff”, Komödie nach Lutz Hübner, Theater in der List, Gastspiel des Bremer Tourneetheaters, Spichernstraße 13, 30161 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 15 Euro, ermäßigt: 10 Euro, Schüler: 6,50 Euro
- weitere Aufführungen:
- Freitag, 19. März, 20 Uhr
- Freitag, 9. April, 20 Uhr
(Foto: Pressefoto)
Rubrik: Tagestipps, Bühne
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