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Der Aufstieg ist nicht alternativlos

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: der Zweitliga-Auftakt beim VfB Stuttgart

Hannover 96 - Mannschaftsfoto 2019/20

Vieles ist neu bei Hannover 96: der Kader für die Saison 2019/20

Wenn man so möchte, dann hatte der Abstieg von Hannover 96 ja schon etwas Gutes an sich. Denn die Saison startet schnell. Während sich beispielsweise die Fans vom Nachbarn VfL Wolfsburg noch auf den Saisonstart gedulden müssen, kommen die 96-Anhänger schon ab diesem Freitag wieder in den Genuss von Bundesliga-Fußball. Zwar in der 2. Fußball-Bundesliga, dafür aber direkt mit einem Spiel gegen den VfB Stuttgart. Wahnsinn! Eröffnungsspiel und dann auch gleich noch Erstliga-Feeling am ersten Spieltag der besten 2. Liga aller Zeiten.

Die üblichen Verdächtigen

Die beste zweite Liga aller Zeiten… Es gibt im deutschen Fußball seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten kaum eine nervtötendere Floskel als diese. Jahr für Jahr wird sie uns um die Ohren geworfen. Immerhin: Wenn neben Absteigern wie Hannover 96, dem VfB Stuttgart und dem 1.FC Nürnberg auch noch der Hamburger SV in der Niederung der Zweiten Bundesliga kickt, dann bekommt diese Floskel irgendwie doch ein wenig Gewicht. Zudem kommen die üblichen Verdächtigen wie Bochum, St. Pauli oder eine Überraschungsmannschaft wie Kiel in den letzten Jahren hinzu, die im Kampf um den Aufstieg ein gehöriges Wörtchen mitreden wollen.

Der Aufstieg ist nicht alternativlos

Als Hannover 96 vor drei Jahren aus der Bundesliga abstieg, sprach Martin Kind vom alternativlosen direkten Wiederaufstieg. Die präsidiale Forderung wurde erfüllt. Doch nach der letzten Grotten-Saison, die im erneuten Abstieg mündete und in der selbst Kind feststellte, dass der Kader von 96 einfach nicht bundesligatauglich war, schlagen er und die anderen Verantwortlichen um Sportdirektor Jan Schlaudraff und Trainer Mirko Slomka nun andere Töne an. Der Konkurrenz geschuldet heißt es nun nämlich, dass man zwar oben mitspielen wolle, der Aufstieg aber nicht unbedingt schon in diesem Jahr erfolgen müsse. Klingt für einen Außenstehenden wie eine Vorab-Entschuldigung, falls es mit dem Aufstieg nichts wird und 96 wirklich ein zweites Jahr in der Zweitklassigkeit verbringen muss.

Schlaudraffs unaufgeregter Stil gefällt

Man kann das Ganze aber auch weniger pessimistisch betrachten. Nach der katastrophalen Saison und der total verhunzten Kader-Zusammenstellung von Horst Heldt muss bei Hannover 96 ein Umbruch stattfinden. Mit Bebou, Füllkrug, Schwegler, Sarenren Bazee, Sorg und Bech verlassen sechs (potenzielle) Startelf-Spieler den Verein, dazu kommen die Abgänge der Leihgaben Wimmer, Müller, Wood, Asano und Akpoguma: Eine komplette Elf hat Hannover 96 abgegeben. Und dann passierte lange Zeit nichts. Kaum Transfergerüchte, keinerlei Wasserstandsmeldungen, nicht einmal ein Präsident, der das zur Verfügung stehende Transfer-Budget in die Welt hinausposaunt – man machte sich schon Sorgen, ob überhaupt noch ein Spieler zu 96 kommen wird. Hat sich da etwa etwas bei 96 zum Guten gewendet? Der unaufgeregte, ergebnisorientierte Schlaudraff-Stil gefällt jedenfalls schon einmal gut.

96 scheint auf mehr Jugend zu setzen

Naja, und dann wurden halt nach und nach Neuzugänge präsentiert, von denen man wirklich sagen muss: nicht schlecht, Herr Schlaudraff. Mit Ron-Robert Zieler wurde eine ehemalige Vereinsgröße zurückgeholt, mit Marvin Ducksch der Torschützenkönig der vorletzten Zweitligasaison verpflichtet. Dazu wurde mit Marcel Franke eine Kante für die Innenverteidigung geholt und mit Cedric Teuchert ein Offensivspieler mit Potenzial. Außerdem wurde Sebastian Jung vom VfL Wolfsburg verpflichtet, dessen Vertrag ausgelaufen war. Darüber hinaus wurden junge, hungrige Talente aus der U23 hochgezogen. Niklas Tarnat, Sebastian Soto, Chris Gloster, Justin Neiß und auch Marco Stefandl komplettieren die Neuzugänge bei den 96-Profis. Insgesamt scheint Hannover nach dem Umbruch auf mehr Jugend zu setzen – kein schlechter Ansatz für einen Neuanfang. Und vor allem: Einer jungen, entwicklungsfähigen Mannschaft verzeiht man es eher, wenn sie nicht direkt aufsteigt. Und es würde auch keinen Sinn ergeben, wenn man diesen jungen Spielern, die ihre ersten Profi-Minuten sammeln werden, jetzt schon den alternativlosen Wiederaufstieg aufbürden würde – das könnte nur in die Hose gehen. Daher lieber die Jungs in Fahrt kommen lassen, ohne Druck, und dann sehen, was sich vielleicht für eine Eigendynamik entwickelt und was schlussendlich dabei herauskommt.

Slomka hat viel probiert

Den Neuanfang soll also der ehemalige Erfolgstrainer Mirko Slomka in die Wege leiten. Ausgerechnet Slomka, der mit seinem letzten Verein, dem Karlsruher SC, nach nur einem halben Jahr aus der 2. Liga abgestiegen war und seinen Trainer-Posten dort schnell wieder verloren hatte. Zwei Jahre war Slomka als Experte tätig, bildetet sich als Trainer weiter. Nun steht er also wieder bei der alten Liebe an der Seitenlinie – und er möchte seinen Tempo-Fußball wieder in Hannover spielen lassen, das machten seine Trainingseinheiten in Hannover und im Trainingslager in Stegersbach deutlich. Auf die Testspiele der Vorbereitung sollte man aber nicht allzu viel geben: Slomka wollte viele Formationen probieren, Spieler auf fremden Positionen testen und einfach mal schauen, was mit dem Kader eigentlich so alles möglich ist, außer dem eh schon gelernten und festsitzenden Slomka-System. Interessant zu beobachten wird sein, wie sich die Talente um Soto und Gloster und Tarnat unter ihm machen werden, denn: Mirko Slomka galt bei 96 nicht unbedingt als der Trainer, der Talente geschmiedet hat und vom Amateurbereich in den Profifußball hochzog.

Ohne Walace, ohne Jonathas, ohne Tschauner

Tja, und dann wären da ja noch die zwei brasilianischen Problem-Kinder von Hannover 96. Jonathas und Walace würden die Verantwortlichen wohl lieber heute als morgen vom Hof jagen. Während ein Transfer von Walace wohl schon in absehbarer Zeit über die Bühne gehen wird, wird es mit Jonathas weitaus schwieriger. Für einen ewig verletzten Wandervogel mit Top-Salär von gut zwei Millionen Euro gibt es einfach keinen Markt. Fest steht: Die beiden reisen trotz der seit dieser Saison erlaubten Kadererweiterung auf 20 Spieler nicht mit nach Stuttgart. Kurios: Der eigentlich als Wechselkandidat geltende Torwart Michael Esser wird als Nummer zwei mit nach Stuttgart fahren. Für diesen Posten war eigentlich der nach seiner Leihe zurückgekehrte Philipp Tschauner vorgesehen, der nun aber kurz vor einem Transfer nach Leipzig steht. RB und Champions League statt 2. Liga und Sandhausen – wer will es ihm verübeln, wenn er doch ohnehin hier wie dort nur als Nummer zwei vorgesehen ist?

Wie schnell kommt man auf Betriebstemperatur?

Es hat sich also viel getan bei Hannover 96. Vom Trainer, über den Sportdirektor und den Kader bis hin zum neuen Ausrüster Macron. Doch was sich wirklich auf dem Platz unter dem neuen alten Trainer Mirko Slomka im Vergleich zur vergangenen Saison verändern wird, dass wird nur das Spiel am Freitagabend beantworten können. Und es kommt direkt zu einem Duell zweier Aufstiegsfavoriten, bei dem es gilt, seine Claims abzustecken und zu zeigen, dass man von Beginn an auf Betriebstemperatur ist, selbst wenn die Sommerpause ziemlich knapp war. Und wenn der Saisonstart misslingt? Dann könnte Hannover 96 immer noch nachlegen. Mit dem wahrscheinlichen Verkauf von Walace wird 96 nicht nur Geld für Transfers einnehmen, sondern auch einen Großverdiener loswerden. Keine Ahnung, was da auf uns zukommt, doch irgendwie scheine ich den Pessimismus aus der letzten Saison noch in mir zu haben. Mein Tipp: 96 unterliegt beim VfB mit 1:3.

Freitag, 26. Juli 2019, 20.30 Uhr:
VfB Stuttgart – Hannover 96

(Foto: Pressefoto/Hannover 96)

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