Matthias Rohl
23. März 2010

Filmgeschichte(n): „L.A. Confidential“

Neo-Noir-Thriller in Farbe: Ein Jahr Arbeit und sieben Drehbuchfassungen – Regisseur Curtis Hanson und Co-Autor Brian Helgeland gelingt das Kunststück einer Ellroy-Adaption

Los Angeles, zu Beginn der 50er-Jahre: Drei Polizisten ziehen gegen den Sumpf der Korruption und des Verbrechens ins Feld. Da ist der junge, karrieregeile Polizeischulen-Absolvent Ed Exley (Guy Pearce), der sich gleich zu Beginn der Geschichte in einem internen Ermittlungsverfahren gegen seine Kollegen in der Revier-Hackordnung beweisen muss. Sein Glaube an das Phantasma der Gerechtigkeit treibt ihn an und wird ihm fast zum Verhängnis. Bud White (Russell Crowe) ist der vor Testosteron dampfende, zynische Schläger-Typ, der ungehobelte Mann fürs Grobe. Er wird von seinen Kollegen stets unterschätzt, was sich als Vorteil erweisen wird. Jack Vincennes (Kevin Spacey) ist der dritte Cop im unfreiwilligen Männerbund, der sein Staatsgehalt als zwielichtiger Berater der Fernsehserie „Badge Of Honor“ aufpoliert und mit Kolportage-Schmierfink Sid Hudgeons (Danny DeVito), dem Reporter des Skandal-Boulevard-Klatschblattes „Hush-Hush“ ahnungslose Zeitgenossen in kompromittierende Situationen zwingt, um dies medial ausschlachten zu können.

“L.A. Confidential”, Filmplakat

Cineastischer Volltreffer in jeder Hinsicht: „L.A. Confidential“, Filmplakat

Und welche Rolle im Korruptions-Geflecht spielt Edel-Hure Lynn Bracken (Kim Basinger), die als Gespielin des Millionärs Pierce Patchett (David Stratham) und erstklassiger Veronica-Lake-Verschnitt auftritt? Alle Protagonisten sind Teile eines größeren Puzzles, das mit einem Schrotflinten-Massaker in der „Nite-Owl-Bar“ und fünf Toten beginnt. Bei der Lösung des Falles spielt Exley die Hauptrolle und wird mit einem Orden belohnt. Doch der Sumpf aus Prostitution, Erpressung und Drogen ist noch lange nicht trockengelegt – es wird weitere Tote geben und schnell klar, dass sich ein Komplott anbahnt, das in höchste Kreise reicht…

Epischer Triebtäter, genial reduziert

Regisseur Curtis Hanson und sein Drehbuch-Ko-Autor Brian Helgeland schufen 1997 mit ihrer oscarprämierten Adaption des James-Ellroy-Klassikers „L.A. Confidential“ einen cineastischen Volltreffer in jeder erdenklichen Hinsicht. Nicht nur gelang ihnen „die beste Annäherung an den alten schwarzweißen Noir-Look, die bislang jemandem auf Farbfilm gelungen ist“ (Time Magazin), sondern darüber hinaus die bis heute einzig überzeugende Verfilmung eines Romans von James Ellroy, dessen ingeniöses vor Themen und Einfällen wucherndes Plot-Gestrüpp seiner Romane ihm den Ruf einbrachte, „der wohl wahnsinnigste unter den lebenden Dichtern und der Triebtäter der amerikanischen Literatur“ (Süddeutsche Zeitung) zu sein.

Russell Crowe und Guy Pearce in “L.A. Confidential”

Brillant aufgelegtes Ensemble: Russell Crowe und Guy Pearce in „L.A. Confidential“

Der Meister persönlich zeigte sich im Angesicht des fertigen Films indes überaus angetan: „Nat Sobel, mein Agent und ich, lachten uns tot, weil wir dachten, man könnte das Buch niemals für einen Film adaptieren. Es war groß. Es war episch. Es war ein Buch für die ganze Familie. Wenn Deine verdammte Familie die Charles-Manson-Familie ist. Es hatte keinerlei sympathische Figuren. Es ließ sich nicht erzwingen, nicht beschränken. Hanson und Helgeland haben mein Buch sehr gut adaptiert und die Geschichte genial auf handliche Dimensionen reduziert.“ Doch was sich in der filmgeschichtlichen Retrospektive eher entspannt liest, war in Wahrheit das Ergebnis einer zähen Schufterei: Ein Jahr Arbeit und sieben Drehbuchfassungen legten Hanson und Helgeland vor, bis die Studio-Bosse endlich anbissen. Das Ergebnis dieses zähen Ringens dürfen wir heute ohne jede Einschränkung als einen der besten Filme der 90er-Jahre bewerten: „wahrhaft ein Meisterwerk“, wie der „New York Observer“ treffend urteilte.

Hybrid aus Studio und Independent

Zwar dient die düster-dräuende Schatten-Halbwelt der klassischen Film-Noir-Welt bei „L.A. Confidential“ als ästhetische Referenz, doch Kamera-Ass Dante Spinotti, der schon für die souverän unterkühlten Bilder in Michael Manns „Heat“ verantwortlich zeichnete, verzichtete völlig auf die üblichen Zugeständnisse an das Genre und lieferte klare, lichtdurchflutete Einstellungen, die jeden stilisierten Schleier der Nostalgie beiseite fegen und hat einen naturalistisch anmutenden Look kreiert, „bei dem das Publikum verstehen kann, woher das Licht in jeder Szene kommt“ (Curtis Hanson). Der damals noch unbekannte Russell Crowe bekannte, Spinotti sei bis zu einem gewissen Grad in der Lage, „zu erahnen, was die Schauspieler tun werden“, die Kameraführung beeinflusse so die Darstellung und werde auf diese Weise sehr vielschichtig.

Kim Basinger in “L.A. Confidential”

Kennt die Wahrheit: Kim Basinger in ihrer Rolle als Lynn Bracken

Was sich dem Zuschauer unauslöschlich ins Gedächtnis brennt, sind Szenen von betörender Intensität, die nur mit einem brillant aufgelegten Ensemble möglich sind. Neben Guy Pearce und Russell Crowe sei Kim Basinger erwähnt, die völlig zurecht den Oscar als beste Nebendarstellerin gewann – und von der Hanson sagte, sie sei im Grunde geboren, um Lynn Bracken zu spielen: traurig und weise – eine Figur, die die Wahrheit über sich selbst kennt und die Wahrheit über die anderen Figuren sehen kann. Doch im Brennpunkt der Ensemble-Leistung stehen die Auftritte des wunderbaren Kevin Spacey, dessen präzise assimilierende Körpersprache man nicht genug loben kann. Regisseur Hanson hatte eine einfache Rollenbeschreibung: „Dean Martin. Die Ausgeburt all dessen, was in den 50ern hip war: Der lockere, durchgestylte Typ – und dann zeigt uns Spacey, wie der Mann Stück für Stück seine Seele verliert“. Drehbuch und Film waren ein Hybrid aus Studiofilm (45 Drehorte, 80 Sprechrollen) und Independent-Kino (komplexe Narration, Risikobesetzung unbekannter Schauspieler) – und man darf Ellroy in seinem Urteil beipflichten: „Ich war sprachlos und perplex durch die Erfahrung.“ Dass es einem Film gelingt, einen Autor von weltliterarischem Rang im besten Sinn des Wortes sprachlos zu machen, ist ein nicht mehr steigerbares Lob.

nächste Folge:
„Sieben“
Ein „Serial Killer Movie“ als kulturpessimistische Reflexion: Wie David Fincher die Konventionen eines Genres sprengte

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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