Susanne Viktoria Haupt
21. September 2019

Année Folles

Das Museum Wilhelm Busch startet mit einer fulminanten Doppelausstellung mit Schwerpunkt Grafik in den Herbst

Schon Josephine Baker sang „J’ai deux amour“ – und auch das Museum Wilhelm Busch lässt derzeit den Geist von Paris in seine heiligen Hallen

Année Folles – die verrückten Jahre. So nennt man in Frankreich das, was in Deutschland als die Goldenen Zwanziger und im angelsächsischen Sprachraum als die Roaring Twenties bekannt ist. Ob diese Zeiten alle wirklich so verrückt und golden waren, kann ich leider nicht sagen und nur Vermutungen darüber anstellen. Aber manchmal wünschte ich, dass ich mitten in den 1920er-Jahren durch Paris streifen könnte. Ähnliche Gedanken habe wie Owen Wilson in dem Film „Midnight in Paris“. Einmal an einem Salon von Gertrude Stein teilnehmen und Sylvia Beach die Hand schütteln, das wäre wirklich was. Glücklicherweise gibt es aber bestimmte Dinge, die Zeitreisen zulassen. Zum Beispiel Literatur, Filme und Musik, aber auch Kunst. Das Museum Wilhelm Busch lädt beispielsweise mit seiner Ausstellung „Art Déco – Grafikdesign aus Paris“ zu einer Zeitreise in die Années Folles ein. Art Déco hat sich nämlich nicht nur beeindruckend in der Architektur und im Möbeldesign niedergeschlagen, sondern auch im Grafikdesign. Der Hot Spot dafür war selbstverständlich La Cité de la Lumiére – Paris.

Gerade in den 1920er-Jahren war Grafikdesign virtuos und beliebt wie nie zuvor und ging mit allerhand weiteren Phänomenen Hand in Hand. Künstlerisch anspruchsvolle Plakate kündigten Shows von Chanson-Sängerinnen und Sängern an, die besonders zu dieser Zeit ihre Sternstunden erlebten. Die Haute Couture, die genau in dieser Zeit in Paris ihre Geburtsstunde feierte, konnte auf die lebendige Grafikdesign-Szene und ihren hochwertigen Pochoir-Druck zurückgreifen. Genauso auch die Automobil-Industrie. Plakate wurden neben Illustrationen in Zeitschriften zu einem beliebten Medium der Art Déco-Grafik. Ein weiterer Fokus lag zudem auf der Entwicklung markanter und einprägender Typographien. Die Schriftarten der Art Déco erfreuen sich auch noch heute großer Beliebtheit. So viel bildkünstlerisches Flair der Zwanziger Jahre gab es in Hannover wahrscheinlich noch nie zu erleben.

Parallel und passend dazu ist derzeit auch die Ausstellung „Brynolf Wennerberg – Facetten eines Künstlerlebens“ im Museum Wilhelm Busch zu sehen. Der Künstler deutsch-schwedischer Herkunft war als Zeichner und Gebrauchsgrafiker tätig und gehört zu den frühen Plakatmalern Europas. 1866 geboren, experimentierte Wennerberg schon früh mit Farbe und entwickelte so den Wunsch, Künstler zu werden. Sein Vater war bereits studierter Maler, und man kann nur vermuten, dass Wennerberg daher einiges an Unterstützung erhielt. Er selbst ging für seine akademische Laufbahn an die Kunstgerwerbeschule Stockholm. Seinen künstlerischen Durchbruch hatte er ab 1892 mit seiner Tätigkeit für die „Meggendorfer Blätter. Farbig Illustrierte Wochenschrift für Humor und Kunst“ und anschließend mit seiner Arbeit für den „Simplicissimus“. Von Mitte der 1920er-Jahre bis Mitte der 1930er-Jahre begründete er den für die Werbung beliebten Wennerberger-Typ, eine lächelnde junge Frau, die unter anderem für das Kölnisch Wasser 4711 warb. Bis Mitte November lassen sich ausgewählte Grafiken und Zeichnungen des facettenreichen Künstlers noch im Museum Wilhelm Busch betrachten. Der Herbst wird also grafisch, aufregend und im Stil der Zwanziger gehalten.

Samstag, 21. September 2019:
„Art Déco – Grafikdesign aus Paris“ und „Brynolf Wennerberg – Facetten eines Künstlerlebens“, Museum Wilhelm Busch, Georgengarten, 30167 Hannover, geöffnet: 11 bis 18 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt: 4 Euro

  • Die Ausstellungen laufen noch bis zum 17. November
  • Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr

(Foto: Pressefoto/Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst)

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Kategorien: Kunst, Tagestipps

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