Susanne Viktoria Haupt
16. September 2019

Hass in Bonbonfarben

Seitenansicht: „I hate Fairyland – Verrückt bis an ihr seliges Ende“ von Skottie Young

Wenn das Fairyland nicht hält, was es verspricht: Skottie Youngs Comic „I hate Fairyland“, Cover

In der Literatur gibt es einige besondere Kniffe, um zwei konstruierte Welten miteinander zu verbinden. Es kann sein, dass die eine Welt in die andere hinein bricht, was man beispielsweise bei Harry Potter beobachten kann, wenn die Dementoren ins uns bekannte England einfallen. Eine andere Möglichkeit ist, dass die beiden Welten mittels eines Portals miteinander verbunden sind. Diese Form findet sich tatsächlich am häufigsten und wird meistens auch noch mit einem Quest, also einer zu bestehenden Aufgabe, verbunden, die von der Heldin oder dem Held gelöst werden muss, damit sie wieder Zugang zu ihrer bekannten Welt haben können. Diese Portal Quests haben eine sehr lange Tradition und lassen sich bereits bei C.S. Lewis‘ „Chroniken von Narnia“, „Der Zauberer von Oz“ von L. Frank Baum oder auch bei Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ finden.

Und auch, wenn sämtliche Heldinnen und Helden zuvor nicht den Eintritt in ein Fairyland geplant hatten und durchaus mit der ein oder anderen Aufgabe zu kämpfen haben, überwiegt vor allem der Abenteurer-Geist und die Lust auf neue Herausforderungen. Stolz und voller neuer Fähigkeiten kehren sie heim und berichten von den magischen und wundersamen Dingen, die sie in der anderen Welt erlebt und gesehen haben.

Gert kann sich mit dieser Einstellung allerdings nicht anfreunden. Die Sechsjährige hatte durchaus von einem Fairyland geträumt und gehofft, dass sie eines Tages wie Alice einfach in ein zauberhaftes Wunderland fallen würde, die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Nicht nur, dass es ihr eigener Kinderzimmer-Boden ist, der sie verschluckt, obendrein ist die Landung im Fairyland überhaupt nicht sanft. Blutüberströmt und halb tot wacht sie nach einem unsanften Sturz im Fairyland auf und wird direkt von merkwürdigen Wesen umzingelt. Gert will eigentlich nur nach Hause zu ihren Eltern, aber ganz im Sinne eines Portal Quests wird ihr von der Queen Cloudia eine Aufgabe gestellt. Nur wenn sie den Schlüssel findet, kann Gert in ihre Welt zurückkehren. Klingt easy? Irgendwie nicht.

Zu allem Überfluss wird Gert auch noch ein nicht gerade hilfreicher Helfer namens Larrigon Wensworth III an die Seite gestellt, der eine wenig übersichtliche Karte des Fairylands bei sich trägt. Und bereits nach wenigen Tagen des Herumreisens ist Gert so dermaßen zynisch und mordlustig geworden, dass sie eine Wohltat für jeden ist, der sich mit strahlenden Bonbon-Welten nicht anfreunden kann.

Autor und Illustrator von Gerts Chaos-Reise ins Fairyland ist niemand anderes als Skottie Young. Versierten Comic-Fans ist dieser Name selbstverständlich ein Begriff. Young hatte bereits seine Hände im Marvel-Universum, hat mit Neil Gaiman zusammen gearbeitet und sich einer eigenen Comic-Interpretation vom Zauberer von Oz gewidmet. Mit seiner Serie „I hate Fairyland“ allerdings holt Young, der durch seine vorherigen Arbeiten schon begeistern konnte, nun wirklich alles aus sich heraus. Gerts Abenteuer treiben sein eigenes illustratorisches und auch schriftstellerisches Talent auf den Gipfel und bestechen vor allem durch ihre schonungslose Darstellungsweise. Kein Wunder also, dass „I hate Fairyland“ längst ein echter Hit ist und sich die vier Volumes in jedem gut sortierten Comic-Regal finden lassen. Kurzweilig, extrem unterhaltsam und ein echter Augenschmaus eben.

Skottie Young: „I hate Fairyland – Verrückt bis an ihr seliges Ende“, 144 Seiten, Popcom, ISBN-13: 978-3842033825, 14 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Kunst, Literatur

Kommentiere diesen Artikel