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Sechs Sommer lang

Seitenansicht: „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda

240 Seiten lang einfach nur brillant: „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda, Buchcover

Kurze Zeit, bevor ich dieses Jahr im Sommer an die bretonische Küste geflüchtet war, stand ich vor einer kleinen Buchhandlung und verliebte mich in einen Buchtitel und das dazugehörige Cover. Es handelte sich dabei um „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda. Ich war so voller Vorfreude auf meine bretonische Auszeit, dass ich von nichts anderem als einem Garten über dem Meer träumen konnte. Garten und Meer – das sind so zwei meiner absoluten Lieblingsdinge. Deswegen kaufte ich mir kurzerhand dieses schöne Buchlein, nicht ahnend, dass ich nicht nur einen Klassiker der katalanischen Literatur erworben hatte, sondern auch einen meiner künftigen Lieblingsromane.

Im Zentrum des Geschehens steht das Anwesen des jungen Ehepaares Senyoreta Rosamaria und Senyoret Francesc. Außerhalb von Barcelona direkt am Meer befindet sich eine prachtvolle Villa, die von dem frisch vermählten Ehepaar sechs Jahre lang immer wieder als Sommer-Residenz aufgesucht wird. Mit ihren ebenfalls reichen Freunden feiern sie ausufernde Feste im Stile von The Great Gatsby. In den übrigen Monaten kümmert sich vor allem der Gärtner, aus dessen Sicht die gesamte Geschichte erzählt wird, um das Anwesen. Er ist Witwer, hat keine weitere Familie oder Kinder, und kann sich so problemlos ganzjährig um die Villa und den Garten kümmern. Aber nicht nur darum kümmert er sich. Durch seine schweigsame und angenehme Art wird der namenlose Gärtner obendrein zum Vertrauten aller. Seien es Senyoreta Rosamaria und Senyoret Francesc oder aber die Belegschaft. Vom Dienstmädchen bis zur Köchin: Er hat für alle ein offenes Ohr und jeder sucht ihn mindestens einmal als Ratgeber auf.

Deswegen ist es weniger verwunderlich, dass der Gärtner nicht nur ein feines Gespür für Veränderungen hat, sondern gleichermaßen auch den drohenden Sturm kommen sieht, bevor sich die Wolken überhaupt verdunkelt haben. Dass Senyoreta Rosamaria und Senyoret Francesc sich lieben steht außer Frage. So richtig glücklich scheinen sie aber nicht zu sein. Als dann noch ein etwas lauter Geschäftsmann aus Südamerika das Anwesen nebenan kauft und umbauen lässt und zusätzlich seine Tochter und seinen Schwiegersohn einziehen lässt, ist die Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Irgendwas scheint mit dem neuen jungen Paar von nebenan, Eugeni und Maribel Bellom, einfach nicht zu stimmen. Vor allem, weil sich Senyoreta Rosamarias Stimmung bei Ankunft des Paares schlagartig ändert.

Sechs Sommer lang begleiten wir den Trubel auf und außerhalb des Anwesens aus Sicht des Gärtners, der jede noch so kleine Stimmungs-Nuance bemerkt und festhält. Sechs Sommer lang warten wir mit Spannung auf die Auflösung der großen und kleinen Dramen. Sechs Sommer lang schließen wir auf gerade einmal 240 Seiten mal mehr und mal weniger enge Freundschaften mit der Besatzung des Anwesens. „Der Garten über dem Meer“ ist ein durch und durch poetischer Roman, der uns ganz unaufgeregt in die 1920er- und 1930er-Jahre zurückversetzt. Mercè Rodoreda legt dabei einen eindringlichen und unvergesslich melancholischen Ton an den Tag, der auch im Herbst die Schwere der sogenannten Summertime Sadness aufs Sofa holt. Es ist übrigens nicht ungewöhnlich, wenn man nach der letzten Seite dieses Romans erst einmal laut aufjauchzt.

Mercè Rodoreda gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern Kataloniens im 20. Jahrhundert. Diesen Status hätte sie meiner Meinung nach bereits alleine schon durch „Der Garten über dem Meer“ verdient. Aber die Geschichte rund um die sechs Sommer ist nur eine von mehr als zehn Veröffentlichungen, die die 1983 verstorbene Schriftstellerin in den Literatur-Kanon haben einziehen lassen. Bekannt ist sie übrigens durch ihren dritten Roman „Auf der Plaça del Diamant“ von 1962 geworden. Dieser Roman wäre definitiv eine ganz eigene Seitenansicht wert. Vor allem, weil er deutlich niederschmetternder und härter um die Ecke kommt, als sein kleiner Bruder von 1967. So oder so gehört Rodoreda zu den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die auf Grund ihrer außergewöhnlichen Leistung niemals außer Mode und auch niemals in Vergessenheit geraten werden.

Mercè Rodoreda: „Der Garten über dem Meer“, 240 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3833310546, 11 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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