Marcel Seniw
1. September 2019

Bakery Jatta – wir lieben Dich!

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärtsspiel beim Hamburger SV

Dieter Hecking

Neue Herausforderung für einen sehr erfahrenen Trainer: Dieter Hecking ist nun Chefcoach beim HSV

Ganz schwere Kost war das, was Hannover 96 vergangene Woche gegen Greuther Fürth auf dem Platz anbot. Wie schon gegen Jahn Regensburg mussten sich die Roten nach dem Abpfiff mit einer 1:1-Punkte-Teilung in der heimischen HDI-Arena zufrieden geben. Zwei Punkte aus zwei Heimspielen ist für einen ambitionierten Bundesliga-Absteiger einfach zu wenig. Auswärts stehen bislang eine Niederlage und ein Sieg zu Buche – und nun geht es zum Nord-Derby zum Spitzenreiter nach Hamburg.

HSV zurück in der Spur

Der Hamburger SV steht nach seinem geglückten Saisonauftakt (drei Siege, ein Remis) völlig zu Recht an der Spitze der Tabelle der zweiten Fußball-Bundesliga. Mit dem ehemaligen 96-Spieler und -Trainer Dieter Hecking scheint der krisengebeutelte Ex-Bundesliga-Dino wieder in die Spur zu finden. Doch wie das so ist beim Hamburger SV: Wenn es sportlich gut läuft, tut sich dann doch wieder ein Nebenschauplatz auf – und dieser könnte teuer für die Hansestädter werden.

Cinderella-Story für alle

Die Rede ist natürlich vom „Fall“ Bakery Jatta. Vor dreieinhalb Wochen verbreitete die Sport-Bild das Gerücht, dass Bakery Jatta eigentlich Bakery Daffeh heiße und statt 21 Jahren 23 Jahre alt sei. Ein gefundenes Fressen für manch arme Seele: Es hagelte Pfiffe und Beleidigungen von den Rängen für den 2015 aus Gambia nach Deutschland geflüchteten Spieler des Hamburger Sportvereins, dessen Cinderella-Story der eines gewissen Hendrik Weydandt in nichts nachsteht.

Die Frage der Spielberechtigung

Jattas Anwalt hat nun die Identität seines Mandanten bestätigen können. Zunächst wurde die Echtheit seines Reisepasses von deutschen Behörden und dem gambischen Generalkonsulat geprüft, darüber hinaus legte der Anwalt eine Kopie der Original-Urkunde aus dem Geburtenregister Gambias vor – und um alle Zweifel aus der Welt zu schaffen, belegte er auch noch die Korrektheit der Daten mithilfe einer eidesstattlichen Versicherung durch einen Urkundsbeamten des gambischen Außenministeriums.

Einfach mal gut sein lassen

Der Hamburger SV stellte sich von Anfang an komplett hinter seinen Spieler. In einer Zeit, in der wir leider direkt vor der eigenen Haustür einen widerwärtigen Rechtsruck erleben müssen, in einer Zeit, in der sich populistische Scheiße im Netz verbreitet wie einst die Pest in Europa, in dieser Zeit setzt der Hamburger Sportverein ein starkes Zeichen. Auch wenn ich den HSV in den vergangenen Jahren liebend gern durch den Kakao gezogen habe, kann ich hier nur meinen größten Respekt aussprechen an einen Verein, der nicht daran denkt, dass sein guter Saisonstart durch einen möglicherweise nicht legal akkreditierten Spieler auf der Kippe steht, weil er durch einen Einspruch dreier unterlegener Klubs ans Tabellenende rutschen könnte, sondern der sich hinter seinen Spieler, seinen Freund und allem voran einen Menschen stellt, der schon genug Leid in seinem noch so jungen Leben erfahren musste.

Jatta!

Dank der Urkunden, die Jattas Anwalt vorlegen konnte, dürften die Themen Punktabzug und fehlende Spielberechtigung nun hoffentlich vom Tisch sein und somit auch das Mimimi von Karlsruhe, Bochum und Nürnberg. Der HSV wird weiterhin an der Tabellenspitze stehen, es wird wieder ruhiger im Umfeld der Hanseaten und Jatta darf weiterhin seinen Flügel bearbeiten. Ich wünsche mir jedenfalls vom Hamburger Publikum lautstarke Jatta-Sprechchöre!

Schlaudraff leistet ganze Arbeit

Doch schauen wir nun auf Hannover, denn die Roten konnten am Samstag irgendwie immerhin Vollzug melden. Zwar wurde kein neuer Hoffnungsträger verpflichtet, dafür konnte man sich aber von einem viel zu teuren Fehlgriff trennen. Horst Heldts Super-Transfer und 96-Rekord-Einkauf Jonathas wird nicht länger für 96 auflaufen. Die Verantwortlichen und der Brasilianer konnten sich auf eine Vertragsauflösung einigen. Diese wird 96 wahrscheinlich eine nette Abfindung kosten, dafür ist der Top-Verdiener aber von der Gehaltsliste verschwunden. Übrigens: Neben Jonathas Jesus verließ unter der Woche auch des Kaisers Enkel, Luca Beckenbauer, den Verein. Das Talent, das als Familienmensch gilt, fühlte sich nicht mehr wohl in Hannover und wollte gern zurück in die Heimat. 96 legte ihm dabei keine Steine in den Weg.

Das Transfer-Fenster ist noch offen

Bis Montag ist das Transferfenster noch offen, ob Jan Schlaudraff nochmals auf dem Markt zuschlägt, ist offen. Nachdem er mit Walace und Jonathas nun zwei hochdotierte Verträge von der Gehaltsliste löschen konnte, wäre ja vielleicht noch Raum für die eine oder andere Investition. Vielleicht schüttelt 96 ja noch ein weiteres Ass aus dem Ärmel, das Spiel gegen Hamburg könnte nämlich noch einmal zeigen, dass es so nicht reicht in der Zweiten Liga…

Wenig Erwartungen ans Spiel

Ich erwarte eine Partie, in der 96 besser zurechtkommen könnte, als noch in der Vorwoche. Gegen Fürth musste 96 das Spiel selbst gestalten. Das passte nicht wirklich in das schnelle Umschaltspiel von Mirko Slomka. Der HSV hingegen wird selbst darauf aus sein, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Das könnte den Roten in die Karten spielen, muss aber nicht. Klar ist: 96 muss gegen Hamburg eigentlich unbedingt gewinnen, sonst ist das Thema Wiederaufstieg schon nach dem fünften Spieltag ziemlich am Wackeln. Klar ist aber auch: Der Hamburger SV ist gut drauf, schnappte 96 in Person von Sonny Kittel und Adrian Fein zwei Spieler weg, die auch der hannoverschen Mannschaft gut tun würden, und wird speziell durch die Geschichte um Bakery Jatta motiviert bis in die Haarspitzen sein. Deshalb kann ich mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass Slomka und seine Mannen in Hamburg etwas holen werden, Umschaltspiel contra selbst spielen wollender Gegner hin oder her. Mein Tipp: Es gibt eine Klatsche: Hannover kassiert in Hamburg drei bis vier Gegentore und wird selbst wieder so viel Torgefahr ausstrahlen, wie beim Pokal-Aus in Karlsruhe. Ich hoffe, ich liege total daneben.

Sonntag, 1. September 2019, 13.30 Uhr:
Hamburger SV – Hannover 96

(Foto: Jan Heimerl/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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