Sebastian Albrecht
10. September 2019

Fortbewegung in der Zukunft

Lärm, Staus, Abgase, kein Platz – Verkehrspolitik muss dringend neu gedacht werden. Doch wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Ein Vortrag im Pavillon bietet Lösungsansätze

Frau auf Fahrrad

Genießer fahren Fahrrad und sind schneller da: Das Rad wird auch in der Zukunft als Fortbewegungsmittel eine große Rolle spielen

Über 7,7 Milliarden Menschen leben auf der Erde, und wer an einem sonnigen Sommer-Wochenende beispielsweise in Hannover, Hamburg oder Berlin durch die Innenstadt geht oder durch die Vergnügungsviertel zieht, kann schnell das Gefühl bekommen, sie allesamt hätten sich genau dort versammelt. Einheimische, Touristen, Stände von Hilfsorganisationen, Junggesellen-Abschiede, Fußball-Fans, sie alle bilden eine sich in den Fußgängerzonen stauende Menschenmenge, die Geschäfte sind überfüllt, entlang der Schlangen vor Eisdielen könnten Marathons gelaufen werden und die Tische in Cafés sind doppelt und dreifach belegt. Obwohl sie sich alle in Busse und Bahnen quetschen, bis es keinen freien Quadratmillimeter mehr gibt, scheint gleichzeitig auch jeder mit dem Auto angereist zu sein, endlose Karawanen schleichen durch die Stadt und verstopfen die Straßen, die ohne Ampeln erst Tage später überquert werden könnten. Doch nicht nur an Wochenenden zeigt sich, dass unsere aktuelle Mobilität arg an ihre Grenzen gerät – wenn sie sie nicht schon überschritten hat.

Dabei ist es ein Leichtes, sich zu beschweren – Die unfähigen Politiker! Die rücksichtslosen Autofahrer! Die rücksichtslosen Fahrradfahrer! Oder Forderungen zu stellen: Mehr Parkplätze! Kreisverkehr statt Ampeln! Autos weg! Mehrspurige Fahrbahnen! Kostenloser Nahverkehr! Tempo 30 in der Stadt! Tempo 60 in der Stadt! – Eine sinnvolle und zukunftsträchtige Mobilitätswende gestaltet sich in Wahrheit aber schwieriger, denn es gilt, auf mehrere Konzepte zu setzen, verschiedene Fortbewegungsmöglichkeiten zu fördern und zahlreiche Faktoren zu beachten: So ist beispielsweise nicht nur der reibungslose Transport wichtig, sondern auch, dass dieser klimaneutral und schonend für die Umwelt vonstattengeht. Auch sind die Bedürfnisse auf dem Land andere als in einer Großstadt. Elektro-Autos, Car-, Ride- und Bike-Sharing, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Infrastruktur für Radfahrer, E-Scooter oder kostenloser Nahverkehr, wie es in beispielsweise in Lübben oder Templin gibt, sind hierfür nur einige beispielhafte Konzepte, die langfristig zu einer zukunftsfähigen Mobilität führen sollen.

Aber nicht jedes Konzept hat am Ende eine hohe Halbwertszeit, wie die Vergangenheit zeigt: Obwohl in Deutschland entwickelt, wurden alle national geplanten Strecken des Transrapids, der um die Jahrtausendwende mediale Aufmerksamkeit erhielt, am Ende nicht umgesetzt, lediglich in Shanghai befindet sich die Magnetschwebebahn bisher im Einsatz. Fast vergessen ist auch das wie eine futuristische Kuriosität anmutende Kabinen-Taxi, das in den 1970er-Jahren in Hagen entwickelt und erprobt wurde. Aber es kann sich auch vorschnell von einer Idee verabschiedet werden: Als Stadt von Welt wollte Hamburg der Zeit voraus sein und beschloss, das Straßenbahnnetz einzustampfen und stattdessen verstärkt auf U-Bahn und Schnellbusse zu setzen. 1978 fuhr zum letzten Mal eine Straßenbahn durch Hamburg. Seitdem wurde sich immer wieder für eine Wiedereinführung der Straßenbahn eingesetzt. 2010 sah es kurzfristig so aus, als könne die Straßenbahn eine Renaissance erleben – vier Linien waren angedacht und das Projekt Stadtbahn war bereits in der Planfeststellung, als der damalige Bürgermeister Christoph Ahlhaus es unter anderem aus Kostengründen stoppen ließ.

Ein umfassendes, klimafreundliches und zukunftsfähiges Mobilitätssystem, das sich in fünfzig Jahren nicht wieder hoffnungslos festgefahren hat, ist jedenfalls nicht in zwei, drei Minuten am Stammtisch zu entwerfen – sicher ist nur, dass der Verbrennungsmotor und der mit ihm verbundene Individualverkehr auf lange Sicht ausgedient haben werden. Welche der bisherigen Ideen auch Jahrzehnte später weiterhin Bestand hat, ist nicht in Gänze abzusehen. Doch obwohl der Wandel bisher noch eher schleppend verläuft, ist er schon im Gange. Im Pavillon Hannover referiert heute Abend Achim Heier, der sich für Attac mit Verkehrspolitik und Mobilität auseinandersetzt. Sein Vortrag „Einfach. Umsteigen. Klimagerechte Mobilität für alle“ bietet nicht nur einen Überblick darüber, was sich ändern muss, sondern auch darüber, was sich bereits geändert hat und über welche Konzepte aktuell debattiert wird. Ein Thema, das eigentlich jeden interessieren sollte.

Dienstag, 10. September 2019:
„Einfach. Umsteigen. Klimagerechte Mobilität für alle“, Vortrag und Diskussion, Referent: Achim Heier, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt frei

(Foto: MabelAmber/Pixabay)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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