Sebastian Albrecht
23. September 2019

Kultur an der Elbe

Mit hanseatischer Hochkultur beschäftigt sich heute Abend der Literarische Salon und hat dazu den Elbphilharmonie-Intendanten Christoph Lieben-Seutter geladen

Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie

War zehn Jahre lang Intendant einer Baustelle, nun leitet er eines der gefragtesten Konzerthäuser Europas: Christoph Lieben-Seutter

Es ist nicht immer einfach als Nummer zwei, einfach mal bei Marc-André ter Stegen nachfragen. Oder bei Buzz Aldrin. Auch Hamburg kann davon ein paar Lieder singen, denn obwohl die Hansestadt eigentlich konkurrenzlos ist – und, wie die Beginner in ihrem Song „City Blues“ ganz objektiv feststellen, „Die Schönste, die Nummer eins, das Gelbe vom Ei“, steht sie musikalisch ja doch immer etwas im Schatten von Berlin. Daran ändert auch die 2002 eröffnete Barclaycard Arena nichts, die mit einem Fassungsvermögen von bis zu 16.000 Zuschauern auch den internationalen Top-Acts eine Bühne bietet, nachdem lange die Alsterdorfer Sporthalle mit nicht einmal halb so vielen Plätzen (7.000) die größte Halle Hamburgs war. Doch da Hamburg im Einzugsgebiet der Hauptstadt liegt, treten internationale Musiker, die nur kurz in Deutschland Halt machen, lieber in Berlin auf als in Hamburg. Ein zweites oder drittes Deutschland-Konzert findet dann meist im Süden und/oder im Westen statt.

Doch es kommt auch immer auf die Sichtweise an: So mag ter Stegen bei Länderspielen lediglich die Bank wärmen, dafür spielt er auf Vereinsebene eindeutig beim größeren FCB. Und Buzz Aldrin ist seit 2016 der älteste Mensch, der je den Südpol erreichte – nämlich mit 86 Jahren. Hamburg muss sich Berlin vielleicht geschlagen geben, wenn es um die internationalen Top-Acts geht, hat aber beispielsweise im HipHop mit Namen wie den Beginnern, Samy Deluxe, Mr. Schnabel, Fischmob, Eins Zwo, Fünf Sterne Deluxe oder Fettes Brot eindeutig die Nase vorn. Und auch im Bereich klassischer Musik braucht sich Hamburg nicht vor Berlin verstecken, denn neben der altehrwürdigen Laeiszhalle gibt es seit 2017 nun auch die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus, das ebenfalls internationales Publikum anlocken soll. Nach zwei Jahren ein großer Erfolg, wie es scheint: Drei Monate vor der Eröffnung standen die Menschen vor den Hamburger Bücherhallen, um Tickets für die Aktion „Konzerte für Hamburg“ zu erhalten, bei der man sich zu moderaten Preisen einstündige Klassik-Darbietungen anschauen konnte. Sofern man überhaupt Karten bekam. Etwas, das sich bisher kaum geändert hat. Gut besucht trifft es nur unzureichend, denn bisher lautet die Frage bei der Elbphilharmonie nicht ob, sondern wann eine Veranstaltung ausverkauft ist – inzwischen dauert es immerhin etwas länger.

Danach sah es nicht immer aus. Die 50 Millionen Euro, die der damalige Erste Bürgermeister Ole von Beust 2002 als anvisierte Kosten nannte, wirken im Rückblick wie Peanuts. Drei Jahre später wurde die Elbphilharmonie vom Senat absegnet, 77 Millionen Euro an Steuergeldern sollten in das Konzerthaus fließen. 2007 wurde der Grundstein gelegt, drei Jahre später war die Eröffnung geplant. Was folgte, ist gemeinhin bekannt: Die Kosten stiegen auf über 700 Millionen Euro an, die Eröffnung wurde mehrfach verschoben und die Elbphilharmonie wurde wie die anderen beiden deutschen Großbauprojekte, Stuttgart 21 und der Berliner Flughafen, zum Gespött und auch zum Symbol von Klüngelei und Unfähigkeit. Groteske Geschichten machten die Runde. So schrieb der Spiegel, es seien Klobürsten zum Preis von 291,97 Euro das Stück gekauft worden, berichtigte sich dann aber: Zu diesem Preis seien sie gemustert worden, am Ende wurden sie mit nur 41,95 Euro dann doch kostengünstiger erworben. Trotzdem, die Elbphilharmonie schien zu einem Millionengrab zu werden.

Was Stuttgart und Berlin noch beweisen müssen, hat sich in Hamburg jedoch immerhin am Ende doch bewahrheitet: Was lange währt, wird endlich gut. Nur zehn Jahre nach Baubeginn und lediglich sieben nach der geplanten Eröffnung konnten die Tore der Konzerthalle geöffnet werden, die Veranstaltungen sind nach wie vor gefragt und auch Musikerinnen und Musiker treten hier gerne auf – nicht nur aus dem klassischen Bereich. Kein Grund zu klagen also? Mäkeln geht natürlich immer und so ist mancherorts etwa zu hören, die Akustik sei ein Reinfall. Und wie es wohl weitergehen wird, wenn erst einmal die ganzen Event-Touristen berauscht genug sind und auch keine Lust mehr haben, vom Plaza der Elbphilharmonie auf die Elbe zu gucken…

Fragen, denen sich Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, heute Abend im Literarischen Salon der Universität Hannover stellen wird. Aber nicht nur denen, denn es gibt auch ungleich interessantere – eine ist titelgebend für die heutige Veranstaltung: „Das Orakel von Elphi. Verändert die Elbphilharmonie den Zugang zur klassischen Musik?“

Montag, 23. September 2019:
„Das Orakel von Elphi. Verändert die Elbphilharmonie den Zugang zur klassischen Musik?“, Gespräch mit Christoph Lieben-Seutter, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, Conti-Hochhaus, 14. Stock, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon/Michael Zapf)

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Kategorien: Lokalitäten, Musik, Tagestipps

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