Susanne Viktoria Haupt
14. Oktober 2019

Raus aus unseren Uteri!

Der Literarische Salon hat für heute Abend die Ärztin Kristina Hänel geladen und diskutiert mit ihr über den Paragraphen 219a

Mutig, klug, beherzt: Die deutsche Fachärztin für Allgemeinmedizin und Notfallmedizinerin Kristina Hänel

Ich hatte eine Abtreibung. Ich hatte keine Abtreibung. Ich kenne jemanden, der eine Abtreibung hatte. Oder auch nicht. Ja und nein. Vielleicht sogar alles zusammen. Wen geht das etwas an? Eigentlich niemanden. Eigentlich nur mich. Und die Personen, die super persönlich involviert sind. Oder eben die, die ich daran teilhaben lassen möchte. Mag man meinen. Ist so aber nicht. Schaut man sich einen Querschnitt der öffentlichen Meinung an, bin ich halt „zu blöd zum Verhüten“ und „müsse das halt jetzt so hinnehmen“. Dann solle ich eben lieber „die Beine zusammenlassen“, aber „abtreiben is‘ nicht“. Abtreiben ist halt „Mord“ und hey, denkt doch mal an all die anderen Frauen, die „keine Kinder bekommen können, also gebt ihnen das doch einfach“. Ganz gleich, ob zu einer Freigabe zur Adoption eben gehört, dass man das Kind eine ganze Zeit lang in sich tragen muss. Man muss es austragen und die Schwangerschaft ertragen. Wenn man das eben nicht will, dann darf man sich gleich in die lange Schlange am Pranger einreihen. Was sind schon neun Monate, in denen man sich in seinem Körper völlig fremd und unwohl fühlt? Wenn man dafür doch dann zumindest den Anforderungen fremder Menschen entsprechen kann. Es sind unsere Körper, unsere Uteri, unsere Entscheidungen, unsere Leben. Da hat wahrlich niemand seine Nase ungefragt reinzustecken. „Pro Life“ sollte auch für uns gelten. Man mag es zumindest meinen.

Aber obgleich wir bis zur 12. Schwangerschaftswoche theoretisch einen Abbruch vornehmen lassen können, sind wir noch weit davon entfernt, dass dieser auch gesellschaftlich entstigmatisiert wird. Laut Paragraph 218 ist ein Schwangerschaftsabbruch immer noch eine Straftat. Ja, ganz richtig, eine Straftat, die mit einer Freiheits- oder Geldstrafe belegt wird. Nur wer bestimmte Kriterien erfüllt, also eine zugelassene Beratungsstelle besucht, zwischen dem Termin und dem Abbruch eine gewisse Zeit verstreichen lässt und das alles zudem vor dem Ende der 12. Schwangerschaftswoche vornehmen lässt, geht straffrei vom Feld. Nun könnte man sagen: Ja, nun, dann soll man das eben machen, und alles ist gut. Das ändert aber nichts daran, dass der Paragraph 218 unglücklich formuliert ist und einen Abbruch von Seiten der Schwangeren selbst erst einmal prinzipiell als Straftat deklariert.

Heiß diskutiert wurde in diesem Jahr der Paragraph 219a. Endlich sollten Ärztinnen und Ärzte, die auf ihren Websites angeben, dass sie auch Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, nicht mehr für die „Werbung“ bestraft werden. Seit März dürfen sie also nun angeben, dass sie Abbrüche vornehmen, aber nicht, welche Methoden sie dafür anbieten. So viel Gleichberechtigung und freien Informationsfluss möchte man den Frauen hierzulande dann doch nicht zutrauen.

Die deutsche Ärztin Kristina Hänel kann von dem ehemaligen Paragraphen 219a ein Liedchen singen, aber kein schönes. 2009 begann man gegen sie wegen Verdacht auf Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu ermitteln. 2017 wurde sie deswegen zu einer Geldstrafe verurteilt. 2019 wurde der Fall auf Grund der Gesetzesänderung neu aufgerollt. Seitdem versucht Hänel ihrem Unmut Luft zu machen und hat das Buch „Das Politische ist persönlich – Aus dem Tagebuch einer ‚Abtreibungsärztin'“ verfasst. Ein Buch, das einmal mehr zeigt, in welches Korsett Frauen mit solchen Auflagen und Paragraphen gezwängt werden und auf welche Weise sich das auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen niederschlägt. Die Abschaffung des Paragraphen 219a ist für sie kein echter Sieg. Es ist kein echter Schritt nach vorne.

Denn trotz aller gut gemeinten Änderungen ist ein Schwangerschaftsabbruch etwas, was man lieber unerwähnt lässt. Das ist eben nichts „Schönes“. Irgendwie anstößig. Irgendwie illegal, denn schließlich steht es so auch noch im Gesetz. Und so fühlt es sich zumindest für die meisten Frauen auch an. Dabei ist ein Abbruch nichts, was man aus einer Laune heraus entscheidet. Schwangerschaften passieren eben, wenn man Sex hat. Und bis auf vollständige Enthaltsamkeit ist keine Verhütung absolut sicher. Man muss nicht zwangsläufig ein Vergewaltigungsopfer sein, damit ein Abbruch „okay“ oder „verständlich“ ist. Eigentlich sollte es ausreichen, wenn die Frau sagt, dass sie diese Schwangerschaft nicht will. Ihr Wille sollte reichen.

Doch die Welt da draußen scheint Angst zu haben. Vielleicht vor sinkenden Geburtenraten, oder aber vor einer starken weiblichen Zukunft. Die eben nicht nur das Leben in sich tragen und austragen kann, sondern auch darüber entscheiden darf, ob sie das will. Und zwar ganz ohne Pranger. Frauen, die nicht nur mit Herz und Verstand eine komplexe und verantwortungsbewusste Entscheidung für ihr eigenes Leben getroffen haben, sondern sich auch gleichzeitig über die Möglichkeiten eines Eingriffs informieren können. Und zwar konkret bei ihren Ärztinnen und Ärzten, denen sie vertrauen. Über all das und noch viel mehr wird heute Abend im Literarischen Salon sicherlich heiß diskutiert.

Montag, 14. Oktober 2019:
Kristina Hänel: „Paragraph 219a – Das Politische ist persönlich“, Aus dem Tagebuch einer „Abtreibungsärztin“, Literarischer Salon, Leibniz Universität Hannover, Conti-Hochhaus, 14. Etage, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 8 Euro, ermäßigt: 5 Euro

(Foto: Pressefoto/Literarischer Salon)

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Kategorien: Politik, Tagestipps

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