Susanne Viktoria Haupt
19. Oktober 2019

Das Repräsentationsproblem

Auch in diesem Jahr gibt es wieder das Perlen Queer Film Festival – und das Programm ist wahrlich vielseitig

Das Perlen Festival 2019 feiert seinen Auftakt heute mit sieben fantastischen Kurzfilmen

In der Literatur gibt es die Aussage, dass man anhand ihrer um die Welt reisen könne. Liest man also besispielsweise einen Roman von Sofi Oksanen, bereist man zumindest ein kleines Stück von Finnland. Literatur gibt uns Einblicke in fremde Ecken dieser Welt. Gleichzeitig schult sie unsere Empathie. Denn auch, wenn die Figuren in den Geschichten fiktiv sind, haben sie ein Seelenleben, in das wir blicken können. Das bedeutet zwar nicht, das jeder Bücherwurm ein extrem empathischer Mensch ist. Doch im normalen Alltagsleben erhält man höchstens einen intensiveren Einblick in das Innere der besten Freunde oder der Partnerin beziehungsweise des Partners. Und das war es dann schon wieder. Deswegen wird beispielsweise gerade im Bereich der Jugendliteratur viel auf Diversity gesetzt. Bei John Green drehen sich die Storys zum Beispiel häufig um fragile oder erkrankte Jugendliche. Und bei David Levithan und Becky Albertalli finden wir vor allem Jugendliche, die sich der LGBTQ+-Community zuordnen würden.

Im Film ist das alles irgendwie wieder schwieriger. Hier ist der Diversit-Turn immer noch nicht so richtig angekommen. Oft treffen wir auf queere Charaktere, die sich extrem überzeichneter Klischees bedienen und damit eigentlich nur Öl ins Feuer gießen. So denken viele Zuschauer eben immer noch, dass jeder Schwule mit einer betont nasalen Stimme spricht, Celine Dion hört und heimlich Spitzen-Unterwäsche trägt. Und jede lesbische Frau trägt Flanell-Hemden. Sowieso. Wir glauben immer, dass wir kein Repräsentationsproblem im Fernsehen haben. Dass es völlig überflüssig wäre, farbige oder queere Menschen häufiger und natürlicher darzustellen. Das Problem dabei ist nicht nur, dass wir eben auch gerne von Dingen lesen und Dinge sehen, die unsere eigene Lebenswelt widerspiegeln. Es gibt schließlich auch noch andere Menschen, die andere Lebenswelten haben und sich ebenso im Fernsehen, auf der Kino-Leinwand oder in der Literatur wiederfinden wollen. Und zwar bitte, ohne dabei immer wieder ein und dieselben inkorrekten Klischees wiederholt zu bekommen.

Daher darf man sich über so tolle Film-Festival freuen wie das Perlen Queer Film Festival. Im Kino im Künstlerhaus werden ab heute acht Tage lang Perlen der queeren Film-Landschaft gezeigt. Alleine heute werden bereits sieben internationale Kurzfilme gezeigt, die sich mit der queeren Lebenswelt beschäftigen und dabei dem ein und anderen Klischee in den Hintern treten. Daher wäre es eigentlich wünschenswert, wenn nicht nur vornehmlich die LGBTQ+-Community, sondern auch andere Menschen sich den ein oder anderen Kurzfilm anschauen würden. Oder aber, wenn mehr und mehr solche Filme salonfähig werden. Also ganz gleich, ob Ihr hetero seid oder nicht, ob ihr Trans+-Personen kennt oder nicht, schaut doch einfach mal im unten stehenden Programm nach, ob Euch die ein oder andere Perle nicht doch interessieren könnte.

Samstag, 19. (bis Samstag, 26.) Oktober 2019:
Perlen Queer Film Festival, Kommunales Kino im Künstlerhaus, Sophienstr. 2, 30159 Hannover, Beginn: ab 18 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt: 4 Euro

weitere Infos zum Festival-Programm:
Perlen Queer Film Festival – das komplette Programm

(Foto: Pressefoto/Stadt Hannover)

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Kategorien: Film, Lokalitäten, Tagestipps

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