Lorenz Varga
10. November 2019

„Für mich ist Antigone eine Greta Thunberg“

Im Ballhof läuft derzeit die Uraufführung von „Antigone. Ein Requiem“ von Thomas Köck, der 2018 den Mülheimer Dramatiker-Preis gewann. Inszeniert wird das Stück von Marie Bues. Ein Interview

Marie Bues inszeniert die „Antigone“

langeleine.de: Frau Bues, Sie bringen die „Antigone“ in der Version von Thomas Köck auf die Bühne. Was ist anders als bei „Sophokles“?

Marie Bues: Thomas Köck hat das Stück für uns quasi ins Heute gebracht, in ein politisches Heute auch. Er lässt die Familienpsychologie raus und stellt den Chor in den Mittelpunkt, der ja auch in der Antike eine große Rolle spielte, als Bezug zum Volk. Damit gibt er dem Stück eine andere politische Ebene, so dass der Kommentar, die Politik, in den Vordergrund tritt. Und er aktualisiert es insofern, als er sagt, es geht nicht mehr um den Bruder, den Antigone begraben will, sondern es geht um die Toten im Allgemeinen. Und er macht so eine Setzung, wo er sagt: Kreon und seine Gesellschaft haben sich nach dem Krieg so in ihren Safe Place zurückgezogen, in ihre kleine Wohlstandsgemeinschaft, die sie versuchen zu bewahren und in die sie nichts hereinlassen wollen. Und das meint natürlich auch die Festung Europa. Es meint auch die Toten, die an den Strand gespült werden. Das Bild kommt immer wieder bei Thomas Köck. Das sind die Toten, die Antigone begraben und betrauern möchte. Aber Kreon sagt: Das sind nicht unsere Toten, wir kümmern uns nur um unsere eigenen Leute. Und damit wird es natürlich sehr heutig, sehr politisch, und ist eine Antigone für unsere heutige Generation.

ll: Sie hatten ein Gespräch mit dem Autor. Welche Dinge bespricht man da so?

Bues: Thomas hat jetzt das erste Mal so eine Probe von uns mitangesehen und für ihn war es glaube ich sehr spannend zu sehen, was mit dieser Chor-Setzung passiert. Wir haben ja einen hannoverschen Bürgerchor dabei. Der ist ja immer auch so ein Spiegel der Stadtöffentlichkeit. Und das ist bei uns ganz real. Das ist ein diverser und inklusiver Chor. Da ging es dann auch um die Sprach-Setzung für diesen Chor und um Bilder und Assoziationen, auch politische Assoziationen, für die Schauspieler. Also wer ist eine heutige Antigone, wer ist ein heutiger Kreon?

Ein diverser und inklusive Bürgerchor aus Hannover spielt in der Inszenierung von Marie Bues eine zentrale Rolle

ll: Warum „Antigone“? Was kann uns dieses Stück in der heutigen Zeit erzählen?

Bues: „Antigone“ ist ja fast einer der ältesten Theater-Stoffe. Viele Generationen haben sich den Text immer wieder neu gegriffen, um ihre politischen Aussagen zu machen. Das Tolle ist, das da so krasse Extreme aufeinander prallen. Antigone als eine Idealistin, die quasi für ihren Glauben kämpft und gegen dieses Gesetz aufbegehrt, das Kreon erlässt. Das Gesetz, dass man die Toten nicht mehr begraben darf. Insofern ist sie eine Widerstandskämpferin per se. Und Kreon ist quasi ein Realpolitiker, dessen Positionen man auch gesellschaftlich verstehen und nachvollziehen kann, der aber letztendlich, wie Antigone, in eine total extremistische Richtung geht. Und beide sind in ihren Positionen so radikal, so weit auseinander, dass sie nicht zusammenkommen können. Das ist das Unauflösbare der Tragödie. Der unauflösbare Konflikt. Und der ist natürlich so modellhaft, so exemplarisch, dass man den für alle politischen Konflikte auch als Beispiel nehmen kann. Auch in so einem Nachdenken darüber, was denn demokratische Werte sind: Was bedeutet es, aufeinander zuzugehen? Was bedeutet es, einen Kompromiss zu schließen? Oder in welchen Situationen braucht man auch eine Radikalität, eine Antigone, um etwas zu bekämpfen, den Change zu bekommen.

ll: Wem gehören die Toten? Was bedeutet für Sie diese Frage in der heutigen Zeit?

Bues: Wir haben ein Buch von Judith Butler: „Precarious Life“. Das war in der Erarbeitung des Stückes für Thomas und uns ein wichtiger Text. Da geht es darum, wessen Leben zählt in unserer Gesellschaft. Und da werden natürlich brutale Unterschiede gemacht. Die Leben etwa, die bei 9/11 verloren wurden, die werden oft, im medialen Zusammenhang gerade, höher gewertet als Leben in anderen Gesellschaften. Etwa bei Anschlägen, die wir hier in Europa nicht einmal in den Nachrichten hören. Und das gibt es in unserer Gesellschaft in allen möglichen Formen. Und das ist in diesem Text auch ganz wichtig: Was wird wie gewertet? Wie sehr höhlen sich unsere demokratischen Werte auch aus? Wie sehr werden die zur Floskel? Wie sehr kann man diese Werte noch ernst nehmen? Und wie sehr hat so jemand wie Kreon diese schon als reine politische Rhetorik benutzt. Wenn man dabei aktuell an die Toten im Mittelmeer denkt, ist das natürlich die absolute Frage heute. Wieso werden die nicht gerettet? Wieso passiert da nichts? Das ist eigentlich die Frage, die auch Antigone stellt. Warum werden diese Toten ignoriert?

Fragt sich, warum ein Leben unterschiedlich viel wert sein soll: Regisseurin Marie Bues

ll: Was ist denn für Sie das Kernthema des Stückes?

Bues: Das ist Antigones Idealismus. Politisches Aufbegehren, was wir ja heute auch gerade stark erleben in der „Fridays for Future“-Bewegung. Für mich ist Antigone auch schon so eine Greta Thunberg. Die wirklich für etwas kämpft, in einer ganz idealistischen Weise, und von den realen Gegebenheiten des Lebens und von den kapitalistischen Systemen letztendlich aufgefressen wird. Die aber so weit geht, in ihrem radikalen Idealismus, dass sie ihr eigenes Leben dafür opfert. Und damit eigentlich auch die Frage: Was braucht es an Selbstaufopferung? Raus aus der Komfortzone, einen Blick, der globaler ist, der sich mehr öffnet, um überhaupt noch klarzukommen in der Welt.

ll: Welche Rolle spielt in dem Stück der Chor?

Bues: Der Chor ist bei uns ganz wichtig. Einerseits ist es toll, dass er eine Stadtöffentlichkeit widerspiegelt und dadurch dem Publikum sehr nahe ist. Der Chor ist ja auch das Volk, das die Geschichte erlebt und mitansieht und sich so seine Gedanken macht. In der griechischen Tragödie war das immer so gedacht, dass man eine Katharsis durchmacht und auch mal über seine eigene politische Haltung nachdenkt, wenn man sieht, in welches Elend sich der Kreon da katapultiert. Und bei uns ist die Chor-Setzung ja auch eine diverse. Wir wollen, dass man da alle Typen einer Stadtbevölkerung sieht. Ganz unterschiedliche Leute, die auch ganz unterschiedlich darüber denken. Der Chor positioniert sich nicht für die eine oder andere Seite, sondern der denkt, öffentlich mit dem Publikum sozusagen, darüber nach: Ach ja, da können wir Antigone verstehen, da hat sich recht. Andererseits können wir auch Kreon verstehen und haben auch das Bedürfnis nach Sicherheit. Und vielleicht überwiegt ja sogar das Bedürfnis nach Sicherheit. Und im Laufe des Stückes eskaliert das so ein bisschen. Und das ist dann auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Der Chor wird dann immer ängstlicher und hat vor der Radikalität der Antigone immer mehr Angst, die dem Chor dann auch mangelnde Radikalität und Opportunismus vorwirft. Und da greift man sich so ein bisschen an die eigene Nase. Wir sind ja alle in einer sehr privilegierten Situation und könnten ganz viel machen, sind aber manchmal auch zu bequem etwas zu machen, politisch zu handeln, auf die Straße zu gehen, unser eigenes Leben zu ändern, obwohl wir wissen, dass wir schuldig werden, dass wir mit unserer ganzen Lebensweise dem Planeten schaden, aber auch ganz konkret anderen Gesellschaften und anderen Menschen, die für Billiglohn arbeiten und so weiter.

„Wir wissen, dass wir schuldig werden“, sagt Marie Bues

ll: Wie kamen Sie auf einen inklusiven Chor?

Bues: Wir hatten da so mehrere Assoziationen. Thomas hat das Stück geschrieben und dann war der Chor ganz wichtig. Dann habe ich gedacht, hmmm, wie macht man das? Wie inszeniert man das? Und hab dann darüber nachgedacht, dass ich es schön fände, wenn es nicht so ein typischer Chor ist, der immer so ordentlich und fast rechteckig spricht. Also immer so auf den Punkt und immer so etwas Martialisches hat. Das fand ich dann für dieses Stück etwas unpassend und hab mir eher gewünscht, dass es eine große Lebendigkeit hat, so was Durchlässiges auch, eher auch eine durchmischte Gesellschaft erzählt. Dann hat der Dramaturg, der Nergiz Mazlum, den Stefan Kolosko vorgeschlagen, der auch inklusive Projekte als Perfomance-Projekte macht und der vorhat, hier so eine Art inklusiven Bürgerchor aufzubauen. Das fand ich toll für die „Antigone“, weil es sich mit mehreren Themen des Stückes verbindet: Was ist die Stadtöffentlichkeit? Dann das Thema der Blindheit, das ja auch im metaphorischen Sinne in dem Stück drin ist. Der Vater Ödipus, der sich selbst erblindet, aber auch immer wieder in der griechischen Tragödie das Motiv des Menschen, der in die metaphorische Blindheit geht, der wie blind in sein Schicksal taumelt.

ll: Welche Ästhetik erwartet die Zuschauerinnen und Zuschauer insgesamt?

Bues: Die Bühne ist relativ klar. Es gibt so zwei Flächen, quasi wie so ein kleiner Schaukasten, der da so steht im Ballhof. Und darüber gibt es ein Element, welches mit roten Stühlen arbeitet, die wie in einem Feuerball zusammenhängen, wie in so einer Installation, die über diesen Wänden hängt, als würde da gerade eine Bombe einschlagen. Und dann fängt die Antigone an, immer mehr von diesen Stühlen hineinzutragen und den Raum zu bevölkern. Das war für uns so eine Abstraktion beziehungsweise eine Übertragung von dem Bild, dass Antigone in den cleanen Raum von Kreon, in diese saubere feine Gesellschaft, die es sich so bequem gemacht hat, das andere, was die Gesellschaft verschuldet hat, die Konsequenzen der Handlungsweise dieser Gesellschaft, hereinzieht. Also quasi den Dreck, den diese Gesellschaft auch verursacht hat.

ll: Frau Bues, herzlichen Dank für das Gespräch!

„Antigone. Ein Requiem“
Theaterstück von Thomas Köck nach Sophokles
Uraufführung, Inszenierung von Marie Bues
Ballhof eins, Ballhofplatz 5, 30159 Hannover

  • nächste Aufführungen:
  • Montag, 18. November, 19 Uhr
  • Samstag, 23. November, 19.30 Uhr
  • Samstag, 30. November, 19.30 Uhr
  • Montag, 2. Dezember, 19 Uhr
  • Sonntag, 8. Dezember, 19 Uhr
  • Samstag, 21. Dezember, 19.30 Uhr
  • Eintritt: 20 bis 23 Euro

(Fotos: Lorenz Varga)

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Kategorien: Bühne

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