Sebastian Albrecht
18. Oktober 2019

Von der Unmöglichkeit, frei zu sein, ohne politisch zu denken

Hannah Arendt und Punkrock, passt das überhaupt zusammen? Und ob, wie das Theater an der Glocksee heute Abend beweist

Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?

Wartet hinter dem Notausgang die Freiheit? Antworten gibt es in dem Theaterstück „Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?“

Wer als Philosoph etwas auf sich hält und irgendwann in dem großen Philosophie-Kanon aufgenommen werden möchte, um auch in zweihundert Jahren noch ehrfürchtig in Hörsälen von Studenten zitiert zu werden, wagt sich im Laufe seiner Karriere an den Begriff der Freiheit, betrachtet ihn, nimmt ihn auseinander, setzt ihn wieder zusammen, betrachtet ihn noch ein bisschen – und sollte das noch nicht geholfen haben, beginnt er diesen Prozess erneut. Hat er ihn dann genug betrachtet, lässt er seine Gedanken aufs Papier fließen, schmückt sie aus, um ihre Essenz zu untermauern. Immanuel Kant sinnierte in Königsberg über Zusammenhänge von Freiheit, Vernunft, Urteilskraft und kategorischen Imperativ. Schopenhauer argwöhnte, ein freier Wille, unabhängig von Gründen und Ursachen, laufe dem menschlichen Denken zuwider, und Sartre sah den Menschen zur Freiheit verdammt.

Auch die in Hannover geborene Philosophin Hannah Arendt widmete sich sich dem Freiheitsbegriff. 2018 erschien posthum ihr Essay „Die Freiheit, frei zu sein“, den sie 1967 fertigstellte und der, bis dato unveröffentlicht, nun den Weg aus dem Nachlass in die Öffentlichkeit und die Bestseller-Listen gefunden hat. Freiheit, so Ahrendts Ansatz, sei ohne Politik nicht zu denken. Wichtiger Bestandteil von Arendts Überlegungen ist die Revolution. Erst aus der Überwindung der Unterdrückungsverhältnisse, durch die Befreiung von ihnen, entsteht für den Menschen die Möglichkeit, frei zu sein. Dass Arendt sich der Freiheit aus historischer und realpolitischer Sicht nähert, ist sicherlich ein gewichtiger Grund, weshalb ihr Essay auch heute noch Aktualität besitzt.

Das findet auch die Regisseurin und Schauspielerin Lena Kußmann, die Arendts Essay im Theater an der Glocksee auf die Bühne gebracht hat. Wer nun müde abwinkt, da er eine schlauchende und trockene Lesung aus dem Essay erwartet, liegt falsch: Sich der Komplexität des Arendtschen Textes durchaus bewusst, entschied sich Kußmann, ihn nicht nur sprachlich und szenisch umzusetzen, sondern auch noch die Hardcore-Punkband Pisscharge mit einzubeziehen. Wie die Band um Sängerin und Frontfrau Kassandra in Kußmanns Stück „Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?“ reinpasst? Ziemlich gut. Schließlich, so sagte die Godmother Of Punk Patti Smith einst, bedeute Punk Freiheit. Kußmann hat ein spannender Ansatz gewählt, der einen Theaterbesuch auf jeden Fall lohnt.

Freitag, 18. Oktober 2019:
„Hannah und der Punk oder Wie geht Freiheit?“, Theater an der Glocksee, Glockseestraße 35, 30169 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 14 Euro, ermäßigt: 10 Euro

  • weitere Vorstellungen:
  • Freitag, 25. Oktober, 20 Uhr
  • Samstag, 26. Oktober, 20 Uhr
  • Mittwoch, 30. Oktober, 20 Uhr
  • Freitag, 1. November, 20 Uhr
  • Samstag, 2. November, 20 Uhr
  • Mittwoch, 6. November, 20 Uhr

(Foto: Pressefoto/Theater an der Glocksee)

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Kategorien: Bühne, Politik, Tagestipps

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