Lorenz Varga
8. November 2019

Gottes Gefangener

Axel Ranischs Roman „Nackt über Berlin“ ist ein fulminanter Thriller und eine packende Liebesgeschichte. Heute feiert das Stück im Ballhof Premiere

Festgesetzt im eigenen Luxus-Appartement: Schuldirektor Lamprecht (Mathias Max Herrmann)

„Kurz nach zehn bekam ich eine SMS. Sie war von Tai. Ich hatte bereits gedöst. Jetzt waren alle meine Sinne wach.“ So beginnt die Geschichte zweier 17-jähriger Freunde, Jannik und Tai. Auch liebevoll Fetti und Fidschi genannt. Jannik ist ein übergewichtiger Außenseiter und Liebhaber klassischer Musik, der mit seinem Körper hadert und dessen Coming-Out noch bevorsteht, Tai, ein gutaussehender Junge vietnamesischer Eltern, der stets die Kamera im Anschlag hat, in der Hoffnung, YouTube-Star zu werden. Und das, was er nun gerade vor der Linse hat, ist wirklich ein dicker Fisch: Schuldirektor Jens Lamprecht, sturztrunken, vollgepisst und völlig hilflos. Tai hält drauf. Die beiden haben ihren Spaß.

Lamprecht wiederum hatte gute Gründe für seinen Suff. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und ist mit dem gemeinsamen Sohn und einem neuen Lover in Richtung Holland unterwegs. Die gemeinsame Traumwohnung auf dem Prenzlauer Berg musste Lamprecht verkaufen, da er mangels Ehevertrag die Hälfte seines Vermögens an seine Frau abtreten musste. Nun bewohnt er ein etwas kleineres Luxus-Appartement in der zwanzigsten Etage in der Nähe des Potsdamer Platzes. Zusätzlich macht ihm der Selbstmord der Schülerin Melanie zu schaffen, die vor etwa einem halben Jahr vor aller Augen vom Schuldach in den Tod sprang. Anlass war die Liebe zu Holger, Deutschlehrer an der Schule und Lamprechts guter Freund. Auch nach dem richterlichen Freispruch brodelt die Gerüchteküche. Wurde da etwas unter den Teppich gekehrt?

Tai und Jannik belassen es nicht beim einmaligen Spaß. Sie bringen den hilflosen und betrumkenen Direktor nach Hause und sperren ihn dort ein. Der Kater am nächsten Morgen ist gewaltig. Die Erinnerung geht gegen null. Doch erst nach und nach wird Lamprecht das Ausmaß seiner Situation bewusst. Es ist Wochenende, die Schlüssel sind weg, der Router ist zertreten und die Sprechanlage zum Concierge funktioniert nicht. Da bemerkt er das Lämpchen der Kamera an seinem Laptop. Seine Peiniger nehmen Kontakt auf, unter dem Pseudonym Gott. Gott erwartet eine Beichte!

Freitag, 8. November 2019:
„Nackt über Berlin“, Theaterstück nach dem Roman von Axel Ranisch, Premiere, Inszenierung von Matthias Rippert, Ballhof Eins, Ballhofplatz 5, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 25 Euro

  • weitere Aufführungen:
  • Freitag, 15. November, 19.30 Uhr
  • Donnerstag, 21. November, 19 Uhr
  • Sonntag, 1. Dezember, 19 Uhr
  • Samstag, 7. Dezember, 19.30 Uhr
  • Donnerstag, 19. Dezember, 19 Uhr
  • Eintritt: 20 bis 23 Euro

    (Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Kerstin Schomburg)

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Kategorien: Bühne, Tagestipps

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