Sebastian Albrecht
28. Oktober 2019

Schrödingers Schauspielerin

Im Lodderbast läuft heute am frühen Abend die Premiere von Josephine Deckers neuestem Film „Madeline’s Madeline“

Madeline's Madeline

Ist die Schauspielerin noch Schauspielerin, wenn sie ihre Rolle spielt, oder wird sie selbst zu ihrer Rolle?

Das Lodderbast ist nicht nur das kleinste Kino Hannovers – und gemäß Selbstbeschreibung auch das kleinste der Welt –, es verströmt mit seinen ausrangierten Cocktail-Sesseln im 50er-Jahre-Stil auch mehr die Atmosphäre eines Wohnzimmers in einer cineastischen Studenten-WG, in dem Freunden und Bekannten in regelmäßigen Abständen die Highlights der umfangreichen DVD-Sammlung präsentiert werden, als die eines riesigen Multiplex-Kinos. Und auch die Film-Auswahl deutet in diese Richtung: Klassiker der Filmgeschichte, Independent-Filme, Themen-Monate, junges deutsches Kino, Genre-Filme, Trash und experimentelles Kino. Ein angenehmer Mix, der regelmäßig einige kleine Perlen ans Tageslicht bringt, die ansonsten bestimmt übersehen worden wären. Eine dieser möglichen Perlen ist die heutige Premiere von „Madeline’s Madeline“, dem insgesamt dritten Film der US-amerikanischen Independent-Regisseurin Josephine Decker.

Wie auch in ihren beiden Filmen zuvor, „Butter on the Latch“ (2013) und „Thou Wast Mild and Lovely“ (2014), verfolgt Decker in ihrem neuesten Film einen experimentellen Ansatz. „Madeline’s Madeline“ ist die Geschichte der psychisch kranken Teenagerin Madeline (Helena Howard), die gleichzeitig ein solch schauspielerisches Talent besitzt, dass die Frage, ob Madeline nun beispielsweise eine Katze spielt oder in ihrem Spiel gar zur Katze wird, nicht so leicht zu beantworten ist. Der Titel des Filmes legt die Vermutung nahe, dass das nicht nur für ihre Rollen, die sie in der Theatergruppe der Künstlerin Evangeline (Molly Parker) spielt, gilt, sondern auch für Madeline selbst zutreffen könnte. Vielleicht. Denn Unklarheit und die Frage nach Identität, nach Machtverhältnissen – das alles zieht sich durch Deckers Film, konkrete Antworten sind dessen Sache jedoch eher nicht. Und so stellt sich dann auch die Frage nach Madelines psychischer Erkrankung. Madelines Schauspiel beschränkt sich nicht nur auf die Bühne, sondern weitet sich auch auf den Alltag aus und äußert sich so extrem, dass ihre Mutter (Miranda July) gezwungen wird, darauf einzugehen. Doch was wie eine psychische Erkrankung wirkt, könnte auch als pubertäre Rebellion gesehen werden, Rebellion gegen die erdrückende mütterliche Ängstlichkeit und Fürsorge, die Madeline keinen Raum mehr lassen. Fantasie und Realität der Jugendlichen vermischen sich immer mehr. Heute Abend ist „Madeline’s Madeline“ im Lodderbast im englischen Original zu sehen.

Montag, 28. Oktober 2019:
„Madeline’s Madeline“, Spielfilm von Josephine Decker, USA 2018, 93 min., englische OV, Lodderbast, Berliner Allee 56, 30175 Hannover, Beginn: 18 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Filmplakat)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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