Milena Wurmstädt
28. Oktober 2019

Experimentierfreudig

Urbane Wildkräuter: In der Kaffeerösterei 24 Grad standen bei der Lesebühne Text, Genuss & Schnaps der Alkohol und die Literatur im Mittelpunkt

Lesebühne Text, Genuss & Schnaps

Bei dieser Lesebühne wird jeder Beitrag würdig begossen

Die Lesebühne Text, Genuss & Schnaps ist so Underground, wie es die SPD mit ihrem aktuellen Kurs wohl in naher Zukunft auch sein wird. Doch im Gegensatz zur ehemaligen Volkspartei setzt die derzeit wohl hotteste Lesebühne Hannovers nicht auf Medienrummel rund um die Bestimmung neuer Führungspersönlichkeiten, sondern konsequent auf Inhalte. Vielleicht sollte sich Erstgenannte also an Letztgenannter ein Beispiel nehmen. Und das gefällt offensichtlich nicht bloß drei hannoverschen Literatur-Nerds, sondern deutlich mehr Menschen, als am vergangenen Donnerstagabend auf Stühlen sitzend in das Café 24 Grad passten.

Gelesen haben im Rahmen der Veranstaltung Selene Mariani und Lucas-Emanuel Strehel, die beide am Literaturinstitut Hildesheim studieren, Janine Adomeit und ein bisschen auch Trick. Trick ist ein Duo, das sich künstlerisch irgendwo zwischen Techno und Lyrik ansiedelt. Das Schlusslicht bildete dann der Singer/Songwriter Martin Spieß, der unter dem durchaus irritierenden Namen „Vorband“ auftrat.

Alkohol und Literatur – zwischen Klischee und Klassiker

Die Kombination aus geschriebenen Wörtern und Alkoholkonsum genießt – nicht nur wenn man beispielsweise an Ernest Hemingway denkt – irgend etwas zwischen Klischee- und Klassiker-Status. In einer Welt mit sinkendem Alkohol- und wachsenden Smoothie-Konsum hat das dargebotene Format „Trinken und Zuhören“ also einen gewissen Cahrme zu bieten, der zu einem kurzweiligen Ausflug einlädt, der mindestens so verrucht anmutet wie Zigaretten ohne Akku.

Konsumiert werden Pfefferminz-Likör, „Mexikaner“ und Kräuter-Likör in sanften bis rauen Mengen. Alle passenden und unpassenden Gelegenheiten dürfen während des Abends zum Trinken wahrgenommen werden. So forderte eine der Lesenden das Publikum auf, immer dann zu trinken, wenn der leidende Protagonist dies auch gebrauchen könnte – man darf raten, wie oft dies der Fall war.

Künstlerische Experimente

Doch nicht nur im Hinblick auf den Alkoholkonsum zeigt sich die Lesebühne Text, Genuss & Schnaps als experimentierfreudig bis eskalativ. Auch die künstlerischen Beiträge des Abends bildeten eine weite Bandbreite ab. Angefangen bei Trick, deren Kombination aus Beat, Text und Gesangspassagen sich gegen jede Kategorisierung wehrte. Das Duo dichtete über Kaninchen, Nazis und durchfeierte Nächte. Die Textpassagen waren geprägt von Wiederholungen, was sich wie eine Loop-Station anhörte, wie sie mittlerweile mindestens jeder zweite vollbärtige Poetry Slammer besitzt. Das Ergebnis klang, als wäre Kurt Schwitters ein paar Jahrzehnte später geboren worden und hätte in Berliner Techno-Kellern Karriere gemacht.

Selene Marianis wiederum las eine Kurzgeschichte, in der es unter anderem um eine Familie ging, die auf dem Land wohnhaft ist, sowie eine Besucherin aus der Stadt und deren Geheimnisse. Janine Adomeit trug einen Text vor, dessen Protagonist ein junger osteuropäischer Mann ist, der sich auf dem Weg in das niedersächsische Oldenburg befindet, um dort einen offensichtlich prekären Job in einer Schlachterei aufzunehmen. Eine apokalyptische Kurzgeschichte, in der eine unglücklich verliebte Frau und ein Fluss eine zentrale Rolle einnehmen, wurde schließlich von Lucas-Emanuel Strehle gelesen. Sanft-melancholischer Deutsch-Pop kam dann zum Finale des Abends von Vorband aka Martin Spieß.

Fazit: Das war ein Abend mit mehr und ungewohnteren Zutaten als ein Long-Island-Ice-Tea. Dass die nächste Lesebühne erst im Frühjahr kommenden Jahres stattfinden wird, ist zugebenermaßen eine Schande. Schön war es trotzdem und Wiedersehen macht Freude.

(Foto: Pressefoto/Marie-Kristin Boden/24 Grad)

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Kategorien: Literatur, Lokalitäten

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