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Die Neunziger im Osten Frankreichs

Seitenansicht: „Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu

Geballtes Leben mit Höhen und Tiefen: „Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu

Bevor ich mich voll und ganz auf Nicolas Mathieus Roman „Wie früher ihre Kinder“ konzentriere, möchte ich hier einmal alle Bücherwürmer warnen, die dabei sind, neue eigene Bücherwürmer heranzuziehen. Noch nie in meinem Leben, nicht mal im Studium, musste ich ein Buch unter so viel Druck lesen, wie jenes von Mathieu. Und dabei hatte ich mich bereits seit vielen Wochen auf „Wie früher ihre Kinder“ gefreut. Da mein Sohn aber gerade Pierre Lemaitres „Drei Tage und ein Leben“ in einem Zug verschlungen hatte, und das natürlich unbedingt mit mir besprechen wollte, musste ich mich dann unverhofft plötzlich und sehr eilig unter den hektischen und wartenden Blicken eines 14-Jährigen durch die 448 Seiten von „Wie später ihre Kinder“ lesen. Und das, obwohl Mathieus kleiner Epos durchaus mehr Lese-Lust als Hektik-Frust verdient hätte. Genossen habe ich die Lektüre dennoch, so viel sei vorab verraten.

Irgendwo im Osten Frankreichs muss in den 1990er-Jahren ein Junge namens Anthony gewohnt haben. 1992 war er gerade einmal vierzehn Jahre alt und langweilte sich in den Sommerferien schrecklich. Eigentlich wollte er nur an den FKK-Strand, damit er endlich mal ein paar Brüste zu sehen bekommt, aber als er endlich seinen älteren Cousin dazu überreden kann, dort hinzufahren, gibt es keine nackte Haut. Dafür aber Steph und Clémence, mit denen sich die beiden halbstarken Jungs direkt anfreunden. Anthonys Cousin bändelt sogar direkt mit Clem an, Anthony selbst scheint allerdings keine Chance bei Steph zu haben. Obwohl es ein wenig nach Liebe auf den ersten Blick aussieht. Um seine Chancen zu erhöhen, klaut er sogar heimlich das Motorrad seines zornigen Vaters und fährt damit zu einer Party. Auf der geht dann alles schief, inklusive Drogen-Absturz und Diebstahl des besagten und vom Vater verehrten Mottorrades. Das riecht nicht nur nach Ärger zuhause, das wird ganz schnell zum echten Problem.

Hacine hat ganz andere Probleme. Zum Beispiel, dass er arbeitslos ist und für seinen Vater eine völlige Enttäuschung darstellt. Schließlich sind sie aus Algerien gekommen, um es in Frankreich endlich richtig zu schaffen. Hacine allerdings baut wirklich nur Mist. Er nimmt Drogen, er prügelt sich, er klaut. Und wenn das dann rauskommt, gibt es die Quittung vom Vater, der wahrlich kein Pardon kennt. Auch Anthonys Motorrad hat er geklaut. Besser gesagt das von Anthonys Vater. Hacine ist das egal, denn egal wohin er geht, selbst beim Sozialamt, hält man ihn ohnehin sofort für einen Versager. Die Zukunft für Steph wiederum könnte sich nicht mehr von Hacines unterscheiden. Ihre Eltern gehen beide arbeiten und verdienen gutes Geld. Steph soll es genau wie ihre Freundin Clem später ganz nach oben schaffen. Als Ärztin zum Beispiel.

Aber wie sehen die Lebenswege dieser jungen Menschen nach ein paar Jahren aus? Konnte Anthony mit Steph anbandeln? Hat Steph endlich ihre Noten verbessern können oder hat sie ihren eigenen Weg finden können? Bleibt Hacine auf der schiefen Bahn? Das klingt alles ein wenig nach Daily Soap oder Jugend-Drama, aber Mathieu gelingt mit „Wie später ihre Kinder“ ein mitreißendes Gesellschaftspanorama der 1990er-Jahre in Frankreich. Von Seite zu Seite verweben sich die Leben und Schicksale der einzelnen Figuren immer mehr. Kein einziger Schritt, denn Steph oder Hacine machen, hat keine Auswirkung auf ihr eigenes Leben oder das der anderen. Selbst das Leben ihrer Eltern gerät in den Fokus ihrer persönlichen Entscheidungen. Andersherum natürlich genauso.

Für „Wie damals ihre Kinder“ hat der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu den begehrten Prix Goncourt verliehen bekommen. Kein Wunder, denn Romane über Menschen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen, wie beispielsweise Hacine oder auch Anthony, stehen derzeit hoch im Kurs. Und das nicht erst seit Édouard Louis. Nur eben, dass es Mathieu weniger um das Zuweisen von Opfer-Rollen und Anklagen geht, sondern um die literarische Verarbeitung von Leben. Das soll nun keineswegs das Schaffen von Louis herabsetzen, aber Mathieu kommt klar eher aus der literarischen Ecke und hat auf dieser Ebene auch ein sicheres Händchen. Schon alleine deswegen kommen einem diese 448 Seiten gar nicht so lang vor. Viel zu leicht verliert man sich in den Lebenswegen der Teenager mit all ihren Höhen und Tiefen. Lebensecht bis zur letzten Seite.

Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“, 448 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446264120, 24 Euro

(Foto: Buchcover)

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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