Matthias Rohl
27. April 2010

Filmgeschichte(n): „Sieben“

Ein „Serial Killer Movie“ als kulturpessimistische Reflexion: Wie David Fincher die Konventionen eines Genres sprengte

Der desillusionierte Detective William Somerset (Morgan Freeman) steht kurz vor der Rente, doch nach 34 Berufsjahren wird er noch einmal tief in die Abgründe der menschlichen Psyche blicken. Hauchdünn ist der Firnis seiner asketischen Alltags-Routinen, mit denen er sich moralisch gegen die verkommene Großstadtdschungel-Welt zu panzern versucht: Die sorgsam gespülte Kaffeekanne, die penibel auf der Nachtkommode arrangierten Dienst-Utensilien (Marke, Messer, Revolver), die neurotisch präzise gebundene Krawatte, das auf dem Bett drapierte, flusenfreie Tweed-Sakko – dieser Mann gewinnt seinen inneren Halt in streng durchritualisierten Handlungsmustern. Ganz anders sein neuer Partner David Mills (Brad Pitt): Er ist der Prototyp des kognitiv unterbelichteten Testosteron-Greenhorns – großspurig, impulsiv und gefährlich affektlabil.

“Sieben”, Filmplakat

Ausnahmethriller voller verstörender Details: “Sieben”, Filmplakat

Ihr erster gemeinsamer Fall: Ein Mann von unvorstellbar widerlicher Fettleibigkeit wird in Unterwäsche tot in seiner versifften Küche aufgefunden, an Tisch und Stuhl gefesselt, der Kopf liegt im Spaghetti-Teller. Sein Mörder zwang ihn zum Essen, bis der Magen des Opfers platzte. Somerset entdeckt hinter dem Kühlschrank des Toten das in die Fettschicht an der Wand eingeritzte Wort „Gluttony“ („Völlerei“). Schon am Tag nach diesem grausigen Fund werden die beiden Ermittler mit einer zweiten Leiche konfrontiert: Beim erzwungenen Versuch, sich ein Pfund Fleisch aus dem eigenen Körper zu schneiden, ist ein reicher jüdischer Anwalt verblutet. Auf dem Fußboden des Tatorts steht das Wort „Greed“ („Habgier“) – mit dem Blut des Opfers geschrieben. Den beiden Polizisten wird allmählich klar, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben, der sein grausames Handwerk im Sinne der sieben Todsünden gerade erst begonnen hat…

Pesthauch der Apokalypse

Regisseur David Fincher, der seine Karriere einst als Werbefilmer und Videoclip-Künstler begann, gelang mit seinem zweiten Film „Sieben“ („Se7en“) 1995 die stilprägende Neuerung des Neo-Noir-Thriller-Genres – und sein bis heute überzeugendstes Werk. Bereits der ästhetisch äußerst anspruchsvoll gestaltete Vorspann setzte Maßstäbe, wurde in der Szene der Werbefilmer häufig zitiert – und darf zweifellos als Musterexempel dessen gehandelt werden, was die Filmtheorie mit dem ambitionierten Ausdruck „setting the mood“ belehnt: Bereits in diesem „Kunstwerk im Kunstwerk“ ist die Stimmung des Thrillers kurz und knapp konzentriert – Finchers kulturpessimistische Kosmen durchweht stets der Pesthauch der unabwendbaren Apokalypse. Von Filmkritikern gern als „Fincherismen“ etikettiert, zeigt sich der Regisseur als Meister des hybriden Arrangements ausgeklügelter Stilisierung in Synthese mit lakonisch-beiläufigen Schock-Effekten. Während bei Tarantino das Raffinement postmoderner Coolness ins Licht der Aufmerksamkeit rückt, zeigt Fincher eine starke Tendenz zur Destruktion jeder Form des Fortschritts-Optimismus. In seiner Welt herrschen blühende Korruption, morbide Gewalt und Jenseits-Appetit.

“Sieben”, Szenenfoto

Klug komponierte Charaktere: Der neu in die Stadt gezogene David Mills (Brad Pitt) soll von Detective William Somerset (Morgan Freeman) eingearbeitet werden

Einzig der Killer (Kevin Spacey) darf noch an höhere Mächte glauben – und an die sieben Todsünden Völlerei, Habgier, Trägheit, Wollust, Hochmut, Neid und Zorn: Er begegnet den Polizisten – und uns Zuschauern – als devot anmutender Säuberungs-Fanatiker im Habitus der mönchischen Askese. Von Somerset und Mills nach den Motiven seines bestialischen Handelns befragt, erklärt er: „Überall, an jeder Straßenecke sehen wir Todsünden, in jeder Wohnung, und wir nehmen es hin. Wir tolerieren es, weil es schon zur Gewohnheit geworden ist. Ab jetzt nicht mehr. Ich habe hierfür ein Beispiel gesetzt. Und über meine Taten wird man rätseln, sie studieren und ihnen nacheifern – in Ewigkeit.“ Um nach einer Pause hinzuzufügen: „Wenn die Leute einem zuhören sollen, reicht es nicht, sie auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit dem Vorschlaghammer treffen.“ Seine Morde sind Predigten im Geiste pessimistischer Kulturdiagnose, zudem schöpft er aus dem Mythen-Reservoir seiner alteuropäischen Belesenheit (Chaucer, Dante, Aquin). Auch der Name ist natürlich nicht zufällig gewählt: „John Doe“ – so nennen amerikanische Behörden nicht identifizierte männliche Leichen. Sein Leben wird der Killer verlieren – doch sein diabolisches Spiel gewinnen.

Perfide Schluss-Pointe

Dass „Sieben“ bis heute nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt hat, liegt vor allem an der dramaturgisch klug komponierten Bipolarität der Polizisten: Hier der weiße, bedrohlich-impulsive Mills, dessen unkontrollierter Zorn ihn schließlich ins Verderben führen wird – dort der schwarze, stets die Kontroll-Fassade wahrende Somerset, ein habituell stoischer Einsamkeits-Melancholiker und Hermeneutiker der Spurenlese, von Morgan Freeman in unnachahmlich souveräner Weise verkörpert. Und doch bricht auch unter seiner Maskerade der Kontrolle in seltenen Momenten eine lauernde Verzweiflungs-Agression hervor – etwa, wenn Somerset nachts in seiner Wohnung ein Springmesser auf die Dartscheibe schleudert, oder wenn er das Metronom, dessen Gleichtakt ihn in den Schlaf befördern soll, vom Nachttisch fegt.

“Sieben”, Szenenfoto

Auf dem Weg in seine ganz persönliche Hölle: Brad Pitt als David Mills

Es sind nicht zuletzt diese Inszenierungs-Details (Kostüme, Lichtregie, Schauplätze), die den Ausnahmestatus des Films unterstreichen. Doch der eigentliche Clou Finchers und seines Drehbuchautors Andrew Kevin Walker liegt in der sonnenlichtdurchfluteten Schluss-Sequenz auf freiem Feld, die nicht zufällig stark an die berühmte Flugzeug-Verfolgungsjagd in Alfred Hitchcocks „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“, 1959) erinnert. Die forcierte Schluss-Pointe gehört wohl zu den perfidesten der jüngeren Thriller-Historie. In ihr offenbart sich noch einmal in handlungslogisch zwingender Konsequenz, wie die Todessehnsucht des Serienkillers in einem furiosen Finale ihren letzten Triumph feiert. Denn dies ist die verstörende Einsicht, die den Zuschauer schaudern lässt: „Es gehört zum Wesen des gut systematisierten Wahns, dass er sich anderen als plausibles Projekt mitzuteilen weiß. Ein Wahn, der nicht ansteckt, versteht sich selber nicht genug“ (Peter Sloterdijk).

nächste Folge:
„Memento“
Zuschauer, wo bist Du? Notizen zur Erfindung des „Post-mortem“-Kinos

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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