Sebastian Albrecht
30. Oktober 2019

Aus der Welt der Diplomatie

Im Literaturhaus Hannover stellt die Schriftstellerin Nora Bossong heute Abend ihren neuen Roman „Schutzzone“ vor

Nora Bossong

Setzt sich in ihrem neuen Roman literarisch mit dem interessanten Thema der UN-Diplomatie auseinander: Nora Bossong

Wenn die Welt in Scherben liegt, fällt es naturgemäß schwer, darin auch etwas Gutes zu sehen. Als im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging und sich der Gefechtsrauch verzogen hatte, lagen viele Städte in Trümmern, Millionen von Menschen waren im Krieg gefallen oder in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs ermordet worden. Keine drei Monate später wurde in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen von 50 ihrer 51 Gründungsmitglieder unterzeichnet. Auf der anderen Seite des Pazifischen Ozeans ging der Krieg jedoch noch weiter. Am 6. August 1945 wurde die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen, drei Tage später folgte die zweite auf Nagasaki. Am 15. August kündigte Japan die bedingungslose Kapitulation an, am 2. September wurde sie in der Bucht von Tokio unterzeichnet. Sechs Jahre hatte der Zweite Weltkrieg angedauert. Kurz nach seinem Ende trat die unterzeichnete Charta der Vereinten Nationen am 24. Oktober 1945 in Kraft, im Dezember folgte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Die Gründung der Vereinten Nationen (UN) war freilich nicht der erste Versuch, einen riesigen Scherbenhaufen zu vermeiden, aber nachdem die Menschheit innerhalb kürzester Zeit dem Ersten Weltkrieg einen weiteren folgen ließ, vermutlich der umfassendste und ernsthafteste. Der Konflikt zwischen den beiden Weltmächten USA und der Sowjetunion, der sich nach 1945 jahrzehntelang im Kalten Krieg verfestigte und einen großen Teil der Welt in zwei Blöcke teilte, zeigte nur zu gut, dass die beiden zerstörerischen und vernichtenden Kriege nicht automatisch ausreichten, einen dritten zu verhindern. Die Gründung einer Organisation, die sich aktiv dem Weltfrieden, dem Austausch unter den Nationen und dem Eintreten für Menschenrechte verschrieb, war also keine schlechte Idee. Beispiele für Einsätze der UN-Friedenstruppe, den Blauhelmen, die zwischen verschiedenen Konfliktparteien vermitteln konnten und damit für Frieden sorgten, gab und gibt es einige, wie etwa auf Zypern, in Mosambik oder auch im Ost-Timor. Doch es gibt auch Kritik an der UN, an der Struktur des Sicherheitsrates, an den mangelnden Kompetenzen, die ein einheitliches Handeln schwierig macht, an gescheiterten Friedensmissionen, wie beispielsweise enen in Ruanda oder in Bosnien-Herzegowina, die schwere Kriegsverbrechen und Völkermorde nicht verhindern konnten.

Wie sehr den Vereinten Nationen die Hände gebunden sein können, wird auch im Falle Burundis deutlich, das in Ostafrika liegt. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1962 kam es wiederholt zu Völkermorden. Dieses Jahr ließ die burundische Regierung unter Präsident Pierre Nkurunziza als Antwort auf Ermittlungen der UN zu Menschenrechtsverletzungen dessen Menschenrechtsbüro in Burundi schließen. Wenn ein Staat kooperationsunwillig ist, wird es schwer, auch für die Vereinten Nation.

In „Schutzzone“, ihrem neuen Roman, nimmt sich die Schriftstellerin Nora Bossong beider Themen an, der diplomatischen Arbeit bei der UN und auch der Geschichte Burundis. Das ist allein deshalb schon ein interessantes Thema, weil das Wirken der Vereinten Nationen doch noch zu geringe Aufmerksamkeit genießt – gleiches gilt für die zahlreichen Krisenregionen der Welt, von denen nur die wenigsten medial Beachtung finden. Ein wichtiges und interessantes Thema macht aber noch lange keinen guten Roman, vielmehr erhöht es eher noch die Fallhöhe.

Gefallen, da ist sich das Feuilleton einig, will Bossong aber nicht, im Gegenteil. Obwohl „Schutzzone“ auch die persönliche Geschichte Mira Weidners ist, Bossongs Haupt-Charakterin, obwohl es in „Schutzzone“ auch um Liebe und Sehnsüchte geht, werden die Ambivalenz der Vereinten Nationen, deren Arbeit und Rolle in Konflikten, das nicht einzugestehende Scheitern, das ermüdende, langwierige Mühlenrad der Diplomatie deutlich. Ist die Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen nun der unbefleckte moralische Hort des Weltfriedens oder doch grandios an seinen hehren Zielen gescheitert? Weder noch, ist die Antwort, die Nora Bossongs „Schutzzone“ gibt. Es ist alles, wie so häufig, komplexer – das gilt auch für globale Gerechtigkeit. „Menschen sind immer ein Problem, und das Problem werden sie nicht los“, heißt es an einer Stelle – und wer könnte Bossong da widersprechen? Dass Bossongs neues Werk nicht nur thematisch, sondern auch literarisch überzeugt, davon kann sich heute Abend im Literaturhaus Hannover überzeugt werden.

Mittwoch, 30. Oktober 2019:
„Schutzzone“, Lesung mit Nora Bossong, Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Heike Huslage-Koch/Wikipedia/CC BY-SA 4.0)

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Kategorien: Literatur, Politik, Tagestipps

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