Roman Kansy
11. November 2019

Premium-Krach aus Würzburg

Das Verhör: „Alternate Endings“ von Cranial 

Es brodelt in Deutschlands Sludge-Szene: Cranials „Alternate Endings“, Album-Cover

Dem einen oder anderen mögen noch die schweren Töne der ehemaligen Sludge-Combo Omega Massif im Trommelfell erklingen. Tja, die Zeit ist leider ein unaufhaltsames Arschloch – und Omega Massif sind mittlerweile ein Stück deutsche Musik-Geschichte. Da sich damit aber zum Glück niemand so richtig abfinden wollte, hat sich nun ein Teil der ehemaligen Kapelle wieder zusammengetan und kurzerhand einen Koloss, der seinesgleichen sucht, auf die Welt losgelassen. Man stelle sich vor, Omega Massif und Primitive Man hätten ihr ohnehin düsteres Erbgut mit Godzillas Genen angereichert und einfach abgewartet, ob das irgendwie funktionieren wird. Und wie es funktioniert!

Cranial schimpft sich die vierköpfige Band, die vor fünf Jahren aus den leblosen Gebeinen Omega Massifs erwachsen ist. Zwar haben die vier Würzburger vor ihrem neuesten Werk bereits eine EP mit dem Titel „Dead Ends“ und ein Album namens „Dark Tower, Bright Lights“ veröffentlicht und auch damit schon mit einem Sound beeindruckt, der dem Genre zwar sehr nahe steht, aber trotzdem vor Eigenständigkeit nur so strotzt. Doch nun kann sich die Szene glücklich schätzen, dass die Band den eingeschlagenen Weg so konsequent fortgesetzt. Beim Hören des aktuellen Tonträgers „Alternate Endings“ bestach mich schon beim ersten Hören das Gefühl, dass die Band ihr Potential verstanden hat und konsequent umsetzt. Auf dem Album wird man durch massive Sound-Landschaften geführt, die brachialer nicht sein könnten. Die ersten beiden Platten waren gut, aber diese hier ist einfach nur groß.

Das Schöne am Post Metal ist doch, dass sich die Bands keiner dogmatischen Verpflichtung mehr hingeben müssen, wie es in der sonst konservativen Metal-Ecke geradezu verlangt wird. Post Metal ist frei, sich nach Belieben an unterschiedlichen Stilmitteln der verschiedenen Metal-Genres zu bedienen. So kommt es, dass „Alternate Endings“ in seiner fiesen Düsterness auf seine Weise „kunterbunt“ klingt. Auf unheilverkündende Drone-Sounds kommen zermalmende Doom-Passagen und Death-Metal-Growls, die einem das Gewebe zum Beben bringen. Hier wusste jemand, was er tut.

„Alternate Endings“ steht auf vier Song-Säulen, die in der Summe knapp unter der 50-Minuten-Marke liegen. Das Album beginnt mit „Faint Voice“, das den Hörerinnen und Hörern klar vor Ohren führt, zu was die Würzburger mittlerweile in der Lage sind. Der Song ist brachial, unaufhaltsam und zäh wie Lava. Es ist die reine Freude, wie man vom akzentuierten Schlagzeug-Spiel und den hypnotischen Riffs in Richtung Klimax verführt wird – nur, um ihn wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen und dann doch zu erlösen. Herrlich! „Unceasing Lack“ ist der zweite Song des Albums, der nach kurzem Geplänkel voll durchstartet und stampfend den Raum erobert. Gefangene werden hier nicht gemacht, aber dafür eine Schneise der Zerstörung hinterlassen, die ihresgleichen sucht.

Mit „Burning Bridges“ wir dann die zweite Hälfe des Albums eingeläutet. Der Anfang erinnert an Songs der Post-Metal-Pioniere ISIS, Neurosis und Pelican. Die verspielten Melodien und Breaks brauchen sich dabei keine Sekunde vor den Vorbildern zu verstecken. Auch hier wird dem Brachialen wieder auf höchstem Niveau gehuldigt. Das Finale beginnt und endet mit „Holistic Figure“. Auf knapp über 15 Minuten Länge wird aller Konsequenz der emotionalen Schwere gehuldigt. Der gesamte Song ist wohl der puristischste des ganzen Albums. Er besteht aus einer einzigen zähen Funeral-Doom-Passage und erinnert mit seiner Klangfarbe und der drückenden Traurigkeit wohl am ehesten an Funeral-Doom-Bands wie Lycus oder AHAB. Hier bremst sich ob der geringen musikalischen Abwechslung aber leider auch meine Euphorie. Das, was hier gemacht wird, wird gut gemacht, aber es fehlt die spannende Dynamik der restlichen Songs. Klangästhetisch mag sich die hoffnungslose Monotonie des letzten Liedes mit dem Titel des Albums fügen, aber musikalisch wäre hier in 15 Minuten einfach mehr Abwechslung angemessen gewesen. Nichtsdestotrotz haben Cranial mit „Alternate Endings“ ein Stück Musik geschaffen, das sich an keiner Stelle hinter den Genre-Königen verstecken muss. Das richtige Maß an Konformität trifft auf eine musikalische Eigenständigkeit, die der Band schon beim vergangenen Album ihren Wiedererkennungswert beschert hat. Eine klare Empfehlung!

Cranial: „Alternate Endings“, CD, 4 Songs, 48:02 min., Sludgelord Records

reinhören:
Cranial auf Bandcamp/

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Kategorien: Musik

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