Susanne Viktoria Haupt
21. November 2019

Furchtlos

Mit Boualem Sansal bittet das Literaturhaus Hannover heute den bedeutendsten Schriftsteller Algeriens zur Lesung

Beendet mit „Der Zug nach Erlingen oder Die Verwandlung Gottes“ seine Trilogie: Boualem Sansal

Was ist Literatur und was darf sie sein? Muss sie schön sein? Muss sie politisch sein? Muss sie immer am Zahn der Zeit sein und die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln? Darf sie albern sein? Seit Anbeginn der Zeit scheint man darüber zu diskutieren, was Literatur darf oder nicht darf. Nicht selten wird Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein Maulkorb verpasst. Oder ihnen auch gesagt, dass sie ihrem Auftrag nicht gerecht werden, wenn sie nicht gerade den Daumen in die Wunde drücken. Man bekommt leicht das Gefühl, dass die Literatur und mit ihnen ihre Akteure nichts richtig machen können. Aber es gibt dann doch zwei Dinge, die für mich charakteristisch für Literatur sind: Zum einen muss sie ganz einfach sein und zum anderen muss sie furchtlos sein.

Furchtlos. Befreit von jeglicher Angst. Das ist ein hohes Ziel und kaum zu erreichen. Als Schriftstellerin oder Schriftsteller muss man aber danach streben. Ein leeres Blatt, eine leere Datei, eine wartende Tastatur können verdammt furchteinflössend sein. Schon alleine auf dem Weg zum ersten Satz müssen so unfassbar viele persönliche Dämonen, so viele Zweifel und Ängste bekämpft werden, dass nur die wirklich Heroischen ihr Ziel erreichen. Wer dann auch noch bis zur eigenen letzten Seite durchhält, musste ganz oft seine Furcht loswerden. Daher kann man mit Recht sagen, dass Literatur einen furchtlosen Charakter besitzt.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hebt die Furchtlosigkeit allerdings auf ein höheres Level. Nach Veröffentlichung seines ersten Romans „Der Schwur der Barbaren“ im Jahr 1999 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Das hat ihn aber nicht an seiner schriftstellerischen Arbeit gehindert, denn Sansal schrieb weiter. Im Fokus immer wieder Kritik am politischen System, an den Herrschenden, am Islam, an gesellschaftlichen Strukturen. Dadurch wurde er nicht nur zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen Algeriens, sondern auch zum Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, dem Grand Prix du Roman und zu einem beliebten Gesprächspartner für die Presse, wenn es um die Entwicklung Algeriens geht. Und obgleich er viel austeilt und mit gut durchdachter Kritik nie geizt, hat er keine Angst, weiterhin in Algerien zu leben.

Heute ist Boualem Sansal mit seinem neuen Roman „Der Zug nach Erlingen oder Die Verwandlung Gottes“ zu Gast im Literaturhaus Hannover und beendet damit auch eine Trilogie, die sich vollständig dem Thema Islamismus widmet. Damit legt Sansal den Finger wieder ganz tief in eine Wunde. Für ihn steht ohnehin fest, dass der extremistische Charakter des Islamismus nicht nur gefährlich ist, sondern auch weit von den spirituellen Wurzeln des Ursprungs entfernt ist. Eingebettet in eine Geschichte rund um die Revolte zweier Frauen bildet „Der Zug nach Erlingen oder Die Verwandlung Gottes“ den perfekten Abschluss. Boualem Sansal ist heute Abend im Literaturhaus Hannover zu Gast und liest einen Teil seines neuesten Werks auf Französisch vor.

Donnerstag, 21. November 2019:
„Der Zug nach Erlingen oder Die Verwandlung Gottes“, Lesung mit Boualem Sansal, Literaturhaus, Sophienstraße 2, 30159 Hannover, Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto/Literaturhaus Hannover/Roger von Heereman/Merlin Verlag)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel