Susanne Viktoria Haupt
2. Dezember 2019

Im Wandel

Seitenansicht: „Herbst“ von Ali Smith

Endlich ist der Auftakt zur Jahreszeiten-Reihe auch auf Deutsch erhältlich: „Herbst“ von Ali Smith

Der Herbst liegt bereits in seinen letzten Zügen, aber für einen saisonalen Hit ist in diesem Falle noch Platz. Schon alleine, weil „Herbst“ von Ali Smith zu den wohl besten Romanen gehört, den die 57-jährige schottische Schriftstellerin bisher verfasst hat. Nach ihrem großen Erfolg „Beides sein“ war eigentlich nicht mehr viel Luft nach oben. „Herbst“ bringt jedoch Smith‘ Kreativität hinsichtlich der Konstruktion und durch ihren einnehmenden Erzählstil perfekt zur Geltung. Dabei ist der Name des Romans tatsächlich Programm, und alles befindet sich im Wandel.

Elisabeth ist 32 Jahre alt, Daniel Gluck satte 101 Jahre alt. Verwandt sind sie nicht, dennoch pflegen sie eine tiefe und innige Beziehung zueinander. Auch wenn Daniel im Pflegeheim mittlerweile mehr schläft als wacht und in seinen Träumen zwischen Leben und Tod hin und her springt. Elisabeth sitzt dennoch regelmäßig an seinem Bett und liest ihm Klassiker der Literaturgeschichte vor. Zum Beispiel Ovids „Metamorphosen“ oder „Eine Geschichte aus zwei Städten“ von Charles Dickens. Sie redet auch mit ihm, wenn er döst und stellt sich vor, was Daniel wohl sagen oder antworten würde. Wahrscheinlich wäre seine erste Frage, was sie derzeit liest, denn diese Frage hat er ihr seit ihrer Kindheit gestellt.

Eine Freundschaft mit Mehrwert

Elisabeth war zwölf Jahre alt, als sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter ins Nachbarhaus von Daniel Gluck gezogen ist. Daniel war damals zwar schon 80 Jahre alt, mental aber noch sehr fit. Er brachte Elisabeth bei, dass es immer wichtig ist ein Buch zu lesen. Und auch, wie man Kunst richtig sieht. Dazu musste sie die Augen schließen und sich von ihm Kunstwerke beschreiben lassen. Beispielsweise die Collagen von Pauline Boty, der einzigen bekannten britischen Pop Art-Künstlerin. Für Elisabeth waren diese Jahre der Freundschaft mit Daniel prägend und sie studierte Kunstgeschichte. 20 Jahre später muss sie allerdings feststellen, dass es keinen wirklichen Markt für Kunst-Historikerinnen gibt und das Land dank der Brexit-Abstimmung gespaltener ist als je zuvor. Und der einzige, bei dem sie Ruhe finden kann, ist Daniel und dabei, seine eigene Ruhe zu finden.

Ali Smith spielt mit der Jahreszeit. Der Herbst steht seit jeher für den Wandel der Dinge. Die Bäume verlieren ihre Blätter und ziehen sich für den Winter zurück. Die Temperaturen schwenken von warm zu kalt. Die ganze Natur verändert sich. Auch Elisabeth steht mit ihren 32 Jahren an einem Scheideweg. Sie verdient nicht genug Geld, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können, noch hat sie eine Partnerin oder einen Partner. Sie wohnt bei ihrer Mutter, mit der sie sich auch nicht immer gut versteht und ihre Gefühle zu Daniel Gluck erscheinen trotz seines Alters für sie verwirrend. Die Passagen, in denen Smith uns einen Einblick in das Leben von Elisabeth gibt, sind geprägt von einem beißenden Humor, der beweist, dass gute Literatur durchaus zum Lachen bringen darf. Die Sequenzen, in denen die gemeinsamen Erlebnisse von Elisabeth und Daniel in der Vergangenheit beschrieben werden, wirken wie melancholisch-liebevolle Reminiszenzen an eine Zeit, die kaum noch greifbar ist. So wie der Frühling und Sommer in Vergessenheit geraten, wenn wir die ersten Herbststürme hinter uns haben. Daniels Traumsequenzen, in denen wir ihn zwischen den Welten begleiten, sind in surreal anmutenden Collagen gehalten, die, zwischen den Zeilen gelesen, einen Einblick in sein vorheriges Leben gewähren. Wir wandeln mit Smith also zwischen verschiedenen Erzählstilen und Konstruktionen hin und her, immer passend zum Thema.

Die Begleiterscheinungen von Veränderungen

Die Wahl der literarischen Verweise in „Herbst“ hat Smith ebenfalls auf das Thema des Wandels konzentriert angelegt. „Metamorphosen“ von Ovid zeigt die Entstehung und den Zerfall von Welten und Sagen. „Eine Geschichte aus zwei Städten“ hingegen beschreibt den Wandel innerhalb der Französischen Revolution und wie diese den Menschen verändert hat. „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley hat Dystopien zum Gegenstand und zeichnet die Zukunft als totalitären Alptraum. Neben dem Wandel schwingen also auch alptraumhafte Ängste hinsichtlich der Zukunft mit. Eine Begleiterscheinung von bevorstehenden oder in Gang gesetzten Veränderungen und Neuerungen, deren Konsequenzen noch niemand kennt. Um die Wichtigkeit der literarischen Anspielungen zu unterstreichen, beginnt Smith ihren Roman auch direkt mit einem Hinweis auf Dickens: „Es war die schlechteste, es war die schlechteste aller Zeiten“. Im Gegensatz zu manch anderen Autorinnen und Autoren der Gegenwartsliteratur übertreibt Smith es allerdings nicht mit Anspielungen und Verweisen, sondern webt diese treffend in das Gesamtbild ein.

Gleichermaßen bekommt man als Leserin das Gefühl, dass der Brexit nie treffender beschrieben wurde, als in Ali Smith‘ Roman „Herbst“. Denn auch die Entscheidung zum EU-Ausstieg läutet einen Wandel ein, der hier thematisch ideal hineinpasst. In pointierten Einwürfen macht sie deutlich, dass dies eine Entscheidung ist, die das Volk gespalten hat. Großbritannien ist nun alles gleichzeitig. Es ist zufrieden und unzufrieden, es ist hoffnungsvoll und verzweifelt, es ist voller Freude und tieftraurig. Der Brexit fühlt sich an wie die Schwelle zwischen den Jahreszeiten, an der alles und zugleich nichts ist. So wie es auch im Herbst nochmal deutlich wärmer werden kann, während er sich drei Wochen später wieder wie Winter anfühlt. Ja, „Herbst“ von Ali Smith ist ein wundervoller Genuss, und wir freuen uns jetzt schon auf den zweiten Teil, den „Winter“. Mit „Herbst“ ist die zarte Geschichte von Elisabeth und Daniel allerdings auserzählt, denn jede Jahreszeit bekommt ihre ganz eigene Story. Das ist etwas schade, aber vielleicht ist der Herbst an dieser Stelle genau das, was er sein soll: Nicht zu viel und nicht zu wenig.

Ali Smith: „Herbst“, 272 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3630875781, 22 Euro

(Foto: Buchcover)

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel