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Ungelebte Leben

Seitenansicht: „Marcia aus Vermont: Eine Weihnachtsgeschichte“ von Peter Stamm

Literatur mit Nachhall: Peter Stamms „Marcia aus Vermont“

Leider werden für Erwachsene herzlich wenig Weihnachtsgeschichten veröffentlicht, die nicht nach einem Rosamunde Pilcher-Erlebnis klingen. Nichts gegen Pilcher, aber die ewig gleichen weihnachtlichen Happy Endings mit Taschentuchfaktor treffen nun mal nicht immer den persönlichen Geschmack. Dankenswerterweise hat der Fischer-Verlag dieses Jahr jetzt aber passend zur vorweihnachtlichen Zeit „Marcia aus Vermont: Eine Weihnachtsgeschichte“ vom Schweizer Autor Peter Stamm herausgebracht. Die zweite gute Nachricht ist, dass Weihnachten zwar bereits in acht Tagen stattfindet, aber sich der schmale Band von 80 Seiten auch locker an einem Abend durchlesen lässt. Die dritte gute Nachricht ist, dass sich das Cover tatsächlich sehen lassen kann. Und um den Adventskranz guter Nachrichten vollzumachen, ist „Marcia aus Vermont“ zwar eine Geschichte, die in der Vorweihnachtszeit spielt, aber eine, die auch für einen Grinch lesbar ist.

Im Zentrum des Geschehen steht der Schweizer Maler Peter, der sich an einen wilden Winter in New York zurückerinnert. Damals traf er die junge Marcia, die ihn mit ihrer Lässigkeit und ihrer geheimnisvollen Art sofort betörte. Da sie beide an Weihnachten alleine zu sein schienen, wurde aus dem kurzen Flirt auf der Straße ein Flüstern unter der Bettdecke. Aber anstatt es bei einem One-Night-Stand zu belassen, gingen Peter und Marcia, die aus Vermont stammt, eine Liason ein. Nach kurzer Zeit musste Peter feststellen, dass Marcia in einer Art Dreiecksbeziehung mit einem Ehepaar lebte und er sich dem Sog dieser Beziehung nicht entziehen konnte.

Viele Jahre später kehrt Peter zurück. Aber zunächst nicht nach New York, sondern nach Vermont. Denn Marcias Vater hat dort eine Stiftung für Künstlerinnen und Künstler, und Marcia, die sich über die Jahre hinweg als Fotografin einen Namen gemacht hatte, soll immer noch auf dem Gelände der Stiftung leben. Doch schon kurz nach seiner Ankunft in dem verschneiten Vermont wird ihm klar, dass das damalige Weihnachtsfest mit Marcia keinesfalls das Merkwürdigste an der ganzen Story gewesen ist und er mehr als nur Spuren der Erinnerungen bei ihr hinterlassen haben könnte…

In schnellem Schritt geleitet uns Peter Stamm durch die winterliche Erzählung und wirft vor allem Fragen nach all den ungelebten Leben eines Menschen auf. Warum nämlich die Dreiecks- beziehungsweise Vierecksbeziehung wirklich zerbrochen ist, mag der Maler nicht mehr so richtig rekonstruieren. Wie wäre es wohl gewesen, wenn er und Marcia noch eine Weile zusammengeblieben wären? Und was wäre, wenn das Kind, das Marcia in ihrem berühmtesten Foto-Band porträtiert hat, tatsächlich seine Tochter ist? Eine Frau, die mittlerweile schon erwachsen sein dürfte und ein ganz eigenes Leben gelebt hat. Wie viele Leben gibt es, die er niemals gelebt hat, weil er nicht von ihren Möglichkeiten wusste? Das hat ganz stark etwas von erfüllter FOMO (Fear Of Missing Out), einer Angst, die gerade im derzeitigen Zeitgeist tief verankert zu sein scheint, sich bei Stamm aber auf tatsächliche Umstände bezieht.

„Marcia aus Vermont“ ist ein nachdenkliches Buch, das große Fragen aufwirft, aber ganz im Stile von Peter Stamm gänzlich unbeantwortet lässt. Ein Makel, der dem Schriftsteller durchaus bewusst ist, den er aber nicht verändern kann. Auch können seine zwischendurch leicht monotonen und detailverliebten Beschreibungen nicht immer auf meinen Zuspruch treffen. Diese kleinen Schwächen sind allerdings schnell verziehen, da „Marcia aus Vermont“ lange im Gedächtnis bleibt und die Leserschaft zu beschäftigen vermag. Literatur muss nämlich nicht immer gleich die Lösungen mit servieren, sondern darf durchaus Fragen einfach aufwerfen und zum eigenständigen Nachdenken anregen. Ein schmaler Band, der mehr Gewicht liefert, als zunächst angenommen.

Peter Stamm: „Marcia aus Vermont: Eine Weihnachtsgeschichte“, 80 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3103974522, 14 Euro

(Foto: Buchcover)

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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